Hüttenläsning

Selbst bei der Lektüre auf der Veranda meiner schwedischen Hütte

Hüttenlesezeit

Trotz des unbeständigen Wetters, das längeren Leseaufenthalt auf der Veranda erschwerte, enthielt meine sommerliche Lektüre immerhin drei Bücher ganz unterschiedlichen Zuschnitts.

Canvases and careers

Ein Klassiker der Kunstsoziologie von Harrison und Cynthia White, der aufzeigt, wie die jahrhundertelange Vorherrschaft der Pariser Académie Mitte des 19. Jahrhunderts ins Wanken geriet und einem neuen Modell der Kunstvermittlung weichen musste.

Zwischen 1820 und 1850 drängten mehr Maler auf den Markt, als dass das alte System, das ursprünglich für etwa 300 Professionelle ausgelegt war, verkraften konnte. Seine Bevorzugung von Einzelwerken, die in zunehmend unüberschaubareren Gruppenausstellungen (Salons) einmal im Jahr präsentiert wurden, führte zur fortlaufenden Abwertung der Künstler, die kaum mehr davon ausgehen konnten, im System der Académie ein Auskommen finden zu können. (Die Académie war in dieser Hinsicht nie erfolgreich. In ihrer Hochzeit waren nur weniger Künstler auf dem Markt.)

Mit den Impressionisten traten unternehmerisch denkende Händler auf den Plan, die die Karriere ihrer Künstler über einen längeren Zeitraum in den Blick nahmen. Sie richteten Einzelausstellungn aus und ermunterten Kritiker, in Besprechungen eine Theorie und Einordnung der ausgestellten Werke vorzunehmen. (In Zeiten der Académie oblag die individuelle Theorie ganz den Künstlern.)

Die Bedeutung dieses Werkes offenbart sich erst in dem, von dem es nicht spricht, von Form und Farbe, Talent, Geschick und Ambition der jeweiligen Künstler. Sein Verdienst liegt gerade darin, gezeigt zu haben, dass ein kulturgeschichtlicher Umbruch nahezu allein aus dem Agieren bestimmter Institutionen und nicht aus dem ihre Individuen erklärt werden kann.

 

Himmel und Hölle

Meine erste Begegnung mit Alice Munro. Solide erzählte Kurzgeschichten (ihr Markenzeichen), die sich in der zeitlichen Unbestimmtheit irgendwo in den 50er oder 60er Jahren ansiedeln lassen. Die Ehe-Männer sind noch subtil autoritär und die Frauen, aus deren Sicht konsequent berichtet wird, latent rebellisch. Über allem Inventar (frau reist bevorzugt mit der Bahn) liegt ein feiner Staub der Jahre und vergangenen Zeit, was mir gut gefiel.

Verglichen mit ihren beiden Zeitgenossinnen Doris Lessing und Nadine Gordimer fehlte mir jedoch das Quentchen Schärfe, das die beiden Autorinnen ihren Erzählungen beizumischen wissen; sei es im Fall von Gordimer die südafrikanische Wirklichkeit der Apartheid, sei es im Fall von Lessing die Beziehung der Geschlechter im Spiegel der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, die wesentlich weniger gedämpft in die Welt des Textes eindringen, als es bei Munro der Fall ist. Lessing war immerhin eine zeitlang Kommunistin.

Eine weitere Fortführung der Munro-Lektüre könnte ich mir dennoch vorstellen.

 

Aufzeichnungen eines notorischen Schwimmers

Die einem Aufenthalt in Schweden alleradäquateste Lektüre, sollte man meinen, wenngleich der Autor Paul Morand nur das salzige Meer als Badegewässer gelten lässt. So widmet er im ersten Teil des Bändchens der Geschichte des Meerbadens die vergnügnlichsten Ausführungen, die uns davon berichten, dass zu allerest kalt gebadet wurde, was entsprechende Kleidung nötig machte. Vom Seegang der Herzogin von Berry (um 1824) berichtet der Autor:

Als Kopfputz eine mit Schlaufen besetze Toque aus festonniertem Leinen, dazu einen Paletot sowie ein kastanienbraunes, mit blauen Borten betresstes Wollkleid – und Stiefel wegen der Krebse.

Unsere Vorstellung von Sonne, Sand und Meer bei glühender Hitze kam erst nach 1900 auf.

Man hatte am Strand in ähnlich dezenter Aufmachung zu erscheinen wie heute noch in der Kirche; die Kaiserin untersagte kurze Hosen und unbedeckte Hälse. (Biarritz um 1858)

Im zweiten Teil lesen wir von den diversen Stranderfahrungen, die Herr Morand als Diplomat und Kosmomopolit an allen Stränden Europas machte, versetzt mit gesalzener Abneigung gegen den sich abzeichnenden Massentourismus, dem der nach Einsamkeit und Exklusivität trachtende Schwimmer natürlich die höchste Verachtung entgegenzubringen wußte. Hätte er doch nach Schweden kommen sollen, wo ihm noch heute ganze Seen zur Verfügung gestanden hätten.

Jedenfalls ein Buch, das mir rundum Freude bereitete. Mehr davon, bitte.

  

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