5 Jahre Ottensen

Grüner Innenhof

Grüner Innenhof, derzeit

Am 1. Mai 2014 bin ich in das Hinterhaus in der Ottenser Hauptstraße eingezogen. Gemessen an den Ereignissen seitdem, kommt mir dieses Datum schon weit entfernt vor und nicht mehr ganz zu meiner jetzigen Gegenwart zugehörig. Seltsam.

Acht Monate hatte ich dort recht zufrieden gewohnt, bis ich meine momentane Wohnung fand, auf deren augenfällige Nachteile (schlechte Ausstattung bei zu hohem Preis) ich bislang mit der folgenden Erklärung blickte: eigentlich wollte ich dort nur ein, maximal zwei Jahren bleiben, bis ich etwas besseres gefunden hätte, – doch dann erkrankte meine Mutter und seitdem ist alles anders.

Ottensen, wie ich an anderer Stelle einmal schrieb, das dachte ich mir einmal als meinen Sehnsuchtspol, zu dem hin ich aus dem braven Frankfurter Westend entfliehen wollte. Die Gründe, warum dieser Traum nicht in Erfüllung gegangen ist, sind vielfältiger Natur und haben nicht unbedingt nur mit Ottensen zu tun.

Die Vorzüge dieses Stadtteils, so erkläre ich es immer Fremden, liegen in seiner vorteilhaften Infrastruktur. Wahrscheinlich gibt es nirgendwo in Hamburg so vielfältige Einkaufsmöglichkeiten auf engsten Raum, wie in Ottensen (wenn ich auch noch die Große Bergstraße mit hinzuzählen darf). Dazu haben wir auch noch einen Fernbahnhof direkt im Zentrum und niemand versteht, warum die bekloppte Bahn ihn unbedingt ins Niemandsland vom Diebsteich verlegen will. Ich mag auch die Bücherhalle und die Nähe zur Elbe, auch wenn ich nicht mehr jeden Tage da vorbeischaue.

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Mein liebster Blick: die Elbe bei Neumühlen

Alles darüber hinaus, was vielen an Ottensen gefällt, spricht mich weniger an. Es gibt noch ein schönes Café, das Katelbach, aber ich verbrachte den Winter über die Nachmittage lieber im schwedischen Kaufhaus, denn es bietet freies WLAN und man wird in Ruhe gelassen. Die weitere Gastronomie interessiert mich nicht. Eine Bar oder Kneipe, die so zwischen Cool und Nachbarschaft pendelte, habe ich nicht gefunden (manchen ist das das Quer, was mir aber überhaupt nicht liegt.) und auch das weitere kulturelle Angebot, mit Ausnahme gelegentlicher Veranstaltungen im Design-Laden, lässt mich eher kalt. Mit Kunst ist sowieso nichts mehr, seit ich nicht mehr zu 2025ev und zu Frise gehe. Da ich überhaupt wenig Leute kenne, hält sich der Vorteil kurzer Wege im Stadtteil auch in Grenzen. Ich habe noch meine Bürgerini, der ich gleich 2014 beigetreten bin, doch die Zeit der großen Kämpfe ist vorüber. Wir sehen uns nur noch gelegentlich.

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Retrofahrradchic in Ottensen

Ansonsten ist Ottensen, wenig verwunderlich, der Gentrifizierung anheim gefallen. Man merkt es an den SUVs, die seit 2016 mehr und mehr das Straßenbild beherrschen und an den teueren Lastenfahrrädern, mit denen nachmittags die Kids abgeholt werden. Es gibt gefühlt mehr Kitas (und Architekturbüros) als normale Läden. Zwischendrin leben noch die Eingeborenen, jene, die Ottensen in den 1980er Jahren eroberten, als es die triste und fade Vorstadt war. Typisch für diese Bevölkerungsgruppe erscheint mir die extrem schlanke, grauhaarige Frau mit Turnschuhen und Freitagtasche oder ähnlichem Baggie. Die anderen sind die jungen Neuzugezogenen, die fleissigst die Kitas mit ihrer Brut bestücken und davor oder danach diese so angesagten Bars frequentieren und ansonsten, generationenübergreifend zusammen mit den Eingeborenen dafür sorgen, dass die GRÜNEN hier nicht aussterben.

Ich will weg

Fünf Jahre Ottensen sind genug. Ich habe mich geirrt. Ich sollte weiterziehen und sehen, dass ich endlich mein ersehntes Häuschen im Grünen finde. Doch das ist nicht so einfach. Der Immobilienmarkt ist leergefegt. Die Tage besuchte ich wieder diese Eigenheimmesse, wo ich mit einer Frau ins Gespräch kam, die eine Baugemeinschaft in Bargteheide angestrebte. Wohl klang das alles nicht so verkehrt und auch der Preis war moderat, doch sehe ich mich nicht so recht in Bargteheide. Bargteheide? Was mache ich da?

Bleiben ist nirgends, meinte Rilke. Wohin dann?

  

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