Socialmedia im Kleinformat – am Beispiel Das Seminar

Zugriffe auf die Webseite Das Seminar von Mai 2016 bis Mai 2017

Zugriffe auf die Webseite Das Seminar von Mai 2016 bis Mai 2017

Im Internet kann jede/r zum Autor werden und sich umstandslos einem nahezu unbegrenzten Publikum mitteilen. Ich habe diese Entwicklung von Anfang an begrüßt und einen wesentlichen Teil meiner Lebenszeit in den vergangenen 25 Jahren dieser Mitteilungsform gewidmet.

In letzter Zeit sind mir jedoch große Zweifel erwachsen, die aus den Bedingungen sozialer Netze, allen voran Facebook, stammen. Ist mein Einsatz noch gerechtfertigt, wenn kaum jemand meine Beiträge beachtet? Dies sei am Beispiel der Präsenz meiner Radiosendung Das Seminar im Web und auf Facebook erläutert.

Das Seminar ist eine monatliche Sendung auf Radio X, die live on air und als Stream im Internet übertragen wird. Radio X fertigt aus technischen und rechtlichen Gründen keine öffentlich zugänglichen Mitschnitte an. Es gibt leider keine Mediathek.

Seit Beginn der Sendung zeichne ich eigene Aufnahmen auf, die ich anfangs unregelmässig, in den letzten Jahren regelmässig zum Nachhören und Downloaden anbiete. Auf meiner eigenen Seite, via Podacast bei iTunes und als Link bei Facebook und Twitter.

Der Aufwand

Der Aufwand, so einen Mitschnitt anzufertigen, gestaltet sich wie folgt. Als ich noch aus dem Studio von Radio X gesendet hatte, konnte ich die dortige Technik nutzen, die das Sendesignal direkt auf CD oder Stick ablegte.

Seit ich aus meiner Küche sende, muss ich zusätzlich ein eigenes Aufzeichnungsgerät samt Mikrofon verwenden, denn die Übertragung via Skype ist von der Qualität zu schlecht für eine eigenständige Aufnahme. Mit dem Mikrofon, ein Ansteckteil, bin ich noch nicht 100% zufrieden, doch ein besseres Mikrofon wird immer noch durch die Raumqualität meiner Küche begrenzt. Hochwertige Mikrofone gehen immer von einer Studioumgebung aus.

Audiobearbeitung

Audiobearbeitung

Die Aufnahme muss ich editieren, d.h. Lautstärke, Kompression und EQ anpassen. Dann wandele ich sie mit iTunes in ein MP3-File um und füge diesem Beschreibung und Schlagworte bei.

Das MP3-File lade ich via FTP auf meinen eigenen Server hoch. Dort muss ich die Seite bearbeiten und einen Archiveintrag vornehmen, der dafür sorgt, dass ein Podcast entsteht, der u.a. bei iTunes abgerufen werden kann, aber auch fürs spätere Nachhören bereit steht. Momentan lassen sich alle Sendungen seit 2010 aufrufen. Sie liegen auf einem shared space bei Strato, der immerhin ein tägliches Backup anbietet. Für die Software, die den Podcast erzeugt, muss ich selbst sorgen, wie auch für die Konsistenz der Daten nach einem einheitlichen Schema. Wer heute eine Sendung nachhören will, soll das auch in 5 Jahren tun können.

Jetzt kann ich mich daran machen, die jeweilige Sendung in den sozialen Medien zu verbreiten. Twitter und Facebook füge ich noch ein Bild bei. Denn Bilder erhöhen die Aufmerksamkeit und Interaktionsrate, – wird so gesagt und angeraten. Das Bild muss ich natürlich auch anfertigen. Zur Zeit nutze ich Aufnahmen alter Radiogeräte, die ich jedesmal auf Youtube nachsuchen muss. Für Instagram erstelle ich noch ein zusätzliches Bild aufgrund einer anderen Vorlage.

Twitter verlangt aufgrund seiner Zeichenbeschränkung nur den Link und ein paar Hashtags. Auf Facebook kommt noch eine kleine Beschreibung dazu und, fast schon zu schön, die nachträgliche Interaktion mit einigen Hörern, die tatsächlich Kommentare hinterlassen.

Seit einiger Zeit poste ich noch zusätzlich einen Eintrag hier auf dem Blog, wozu ich auf das vorhandene Bild, die Beschreibung und natürlich das MP3-File zurückgreifen kann.

Zeitlich betrachtet, sollte das alles, alle 4 Wochen, in den ersten Tagen nach der Live-Sendung geschehen, denn das Interesse der Hörer lässt nach der Sendung schnell nach. Wenn ich direkt nach der Sendung anderweitig eingebunden bin, erhöht das den Stress.

Ich würde sagen, das sind in etwa 5-6 Stunden Arbeit, die aber nicht am Stück anfallen, sondern zeitlich gestaffelt in kleineren Abschnitten. Dazu kommt noch der allgemeine Aufwand, den grundlegenden Betrieb aufrecht zu erhalten. Also Server, Software und eigener PC.

Ist das jetzt viel oder sogar zuviel? Wer ernsthaft einen Podcast betreibt, wird kaum darunter bleiben. Es kommt letztlich darauf an, was dabei raus kommt.

Sehen wir uns also die Resonanz an.

Die Resonanz

Radio X gibt keinerlei Angaben über die Anzahl seiner Hörer, wie sie „normale“ Rundfunkstationen via Befragung ermitteln. On air können es in meinem Fall 5, 10 oder 100 sein. Wer weiß? Im Live-Stream sind, so mal nach Nachfrage, 3-5 Hörer.

Daß ich gehört werde, konnte ich in meiner Frankfurter Zeit gelegentlich durch gänzlich Unbekannte erfahren, die mich auf einer Party oder Ausstellungseröffnung ansprachen. Weitere Reaktionen sind selten. Vielleicht gibt es im Jahr noch 2-3 Emails. Wie ich schon in meiner diesjährigen Januar-Sendung ansprach, bleibt ein Interesse an meiner Person gänzlich aus. Noch nie schrieb mir jemand, Dich würde ich gerne mal kennenlernen. Dafür, dass ich sehr viel von mir preis gebe, ist das überraschend. Vielleicht wirkt die Sendung so kühl und sachlich, dass affektives Interesse fern bleibt. Auch Journalisten und andere Vertreter der Öffentlichkeit haben wohl andere Dinge zu tun, als obskure Sendungen bei Radio X zu verfolgen.

Die Webseite verzeichnet, wie die Grafik am Anfang dieser Seite zeigt, nahezu gleichbleibende Zugriffe. Übers Jahr sind es etwa 2 pro Tag. Wahrscheinlich lässt das den Schluß zu, das sich die Sendung über die Zeit nicht rumspricht, oder, dass der jetzige Zustand das erreichbare Maximum darstellt.

Wieviele Menschen ich via RSS (Podcast) und iTunes erreiche, kann ich leider nicht sagen, denn bei iTunes gibt es für Podcasts keine Statistik. Von dort kommt null Reaktion.

Twitter Statistik

Twitter Statistik

Auf den SocialMedia Kanälen sieht es nicht anders aus. Twitter (Thing Frankfurt) bringt mal gelegentlich ein Like und einen Retweet. Die betreffende Person ist bekannt. Der letzte Tweet zum Seminar erreichte 317 „Impressions“ (bei 1.200 Followern), 3 „Engagements“ und 1 Like.

Die Fanpage Das Seminar auf Facebook schlägt sich da schon besser. Immerhin findet die Verbreitung der Sendung dort regelmässig Kommentare, wobei letztlich die klassische 90:9:1 Regel erfüllt bleibt. Eine Person schreibt sehr engagiert, ein paar andere, auf jeden Fall unter 9, kommentieren oder liken gelegentlich, und der Rest schaut zu, sofern sie überhaupt erreicht werden.

Facebook Aktivität

Facebook Aktivität

Wie hier die Grafik zeigt, ist die Reichweite beim Einstellen einer neuen Sendung besonders hoch. Reine Textmitteilungen hingegen fallen stark ab. Das entspricht in etwa den Vorgaben von Facebook. Bei gerade mal 121 Fans (seit 2010) auch nicht überraschend. Über einen längeren Zeitraum betrachtet, fällt auf, dass vor allem der Neuigkeitswert eines Posts zu zählen scheint. Nahezu gar nicht werden Posts kommentiert oder geliked, die älter als 2 Monate sind. [Das ist auf der FB Seite von Thing Frankfurt, die fast 1.900 Fans hat, auch nicht anders.]

Facebook Statistik

Facebook Statistik

Größere Veränderungen in Bezug auf Besucherzahl und Besucheraktivitäten treten, analog zur Webseite, auch nicht auf. Ähnlich den Retweets gibt es auch sehr selten Shares. Es scheint, als hätten die wenigen Benutzer vor allem einen persönlichen Gewinn von der Seite, den sie nicht notwendig mit ihren Freunden teilen müssten.

Resümee

Das Seminar ist ein Produkt, das in Aufmerksamkeit bezahlt wird. Klassisch für die „neuen Medien“, also.

Was tun, wenn die erzielte Aufmerksamkeit nicht mit dem Aufwand dafür in Deckung zu bringen ist? Eine Frage, die sich auch andere stellen, wie vor einiger Zeit das Blog Castor & Pollux:

Was ist ein (Kunst-)Blog, der angesichts immer unübersichtlicherer Distributionswege –, sprich: immer komplexerer Mechaniken der sozialen Medien – in seinem Anspruch, gelesen zu werden, vor der Wahl steht, entweder noch mehr Energie und Zeit zu investieren oder sich in stumpfe und floskelstarre, aber klickreiche Formate zu zwängen?
oder aber: der desillusioniert ist (lies: endlich resigniert hat) und daher das soziale Moment gar nicht mehr nutzt?

In der alten analogen Welt wäre eine solche Überlegung unsinnig gewesen. Weite Teile des Publikationswesens konnten, aufgrund der Produktions- und Distributionsbedingungen, nur existieren, wenn sie sich irgendwie bezahlt machten. Darüber hinaus gab es immer schon die Nische der Hobbypublizisten, die sich einen Gedichtband absparen, oder aufgrund einer Erbschaft etwa ungeachtet der Ökonomie ein Buch oder eine Schallplatte herausbringen konnten. Größerer Erfolg war ihnen in der Regel nicht vergönnt.

Was das obige Zitat schon andeutet, – in den neuen, sozialen Medien haben sich die Publikationsformen unendlich ausdifferenziert. Facebook, Twitter, Instagram, Tumblr, Youtube leben nicht mehr von klassischen Autoren, wie wir sie aus der Buchwelt kennen, sondern aus einer Vielfalt von Zwischenformen, von sogenannten Powerusern, die, unterstützt von einem größeren Team, dutzende von Beiträgen pro Tag rausgeben bis hin Gelegenheitsbloggern oder -Instagramern. Es gibt solche, die mit einem Video viral gehen und ein Millionenpublikum erreichen und solche, die sich hartnäckig Post um Post eine Follwerschaft aufbauen. Den Netzwerken ist das egal. Sie aggregieren nur noch. Hauptsache, es gibt genug User, die posten.

Für wen mache ich das?

Für Das Seminar, um es zu wiederholen, stehe ich vor der Frage, ob sich mein Aufwand für gerade mal 5, maximal 10 Hörer/Leser lohnt, die die Sendung nicht live hören können oder eine ältere Sendung nachhören wollen und dafür bereit sind, ein kleines Stück Anerkennung in Form eines Likes oder Kommentars zurückzugeben.

Es geht dabei nicht, – um die Bemerkung eines Lesers aufzugreifen -, bloß darum, ein MP3 hochzuladen und zu verlinken, sondern um die Bereitstellung einer Struktur und den Willen, sich dauerhaft in ihr aufzuhalten. Monat für Monat, Jahr für Jahr. Ab und zu mal einen Tweet, eine Bemerkung auf Facebook, ein Bild auf Instagram, – das wäre in der Tat einfach.

Wenn ich noch einmal meinen Aufwand betrachte, so wird für mich klar, dass ich die Radiosendung fortsetzen werde. Das ist dann einfach mein öffentliches Audio-Tagebuch. Ob es jemand hört oder nicht. Ebenso steht der private Mittschnitt für mich nicht zur Disposition. Ich möchte mir nicht die Option nehmen, dass es irgendwann noch einmal nützlich sein könnte, und sei es, nur für mich selbst.

Was die weitere Veröffentlichung angeht, habe ich größere Zweifel. Neulich schon habe ich meine Hörer dazu angeregt, sich selbst um Mitschnitte zu kümmern. Das war früher auch so im Radio. Entweder man war live dabei oder man musste sich mit damals noch unfreundlicheren Mitteln einen Mitschnitt besorgen. Heute gibt es entsprechende Programme im Netz. Ggf. könnte ich auch gegen Gebühr eine CD zum Versand anbieten. Was spräche gegen einen schönen physischen Datenträger?

Es wäre zu überlegen, ob sich der Herstellungs- und Verbreitungsaufwand weiter reduzieren liesse. Leider lässt Facebook keinen Direktimport von Audio-Dateien zu. Einige haben mir zu SoundCloud geraten. Deren Preise sind aber bei meinen Datenmengen nicht annehmbar. Bliebe noch YouTube, das über den Umweg als Video Audiofiles hosten könnte. (Der Nachteil aller externen Dienstleister, wenn sie ihr Angebot plötzlich einschränken hat man u.U. jahrelang in sie investiert und steht auf einmal ohne Alternative da. Ich habe das eben erst bangens bei Ipernity erlebt.)

Selbst, wenn der Produktionsaufwand gegen Null tendierte, mit jeder Veröffentlichung wächst die Erwartung angemessen vernommen zu werden. Gerade Das Seminar ist ein Produkt, das nicht nur reichlich Gedanken, sondern auch, – es klingt fast zu banal, mich selbst enthält. Bei manchen Fotos oder Texten wäre mir das egal.

Daher ist die Entscheidung auf die wenigen Hörer gänzlich zu verzichten nicht einfach, verbindet sich mit ihnen, oder sollte ich eher sagen, mit der Plattform, auf der sie auftreten, immer die Hoffnung, es könnten, ungeachtet der Zahlen, doch noch mehr werden, eines Tages, irgendwann.

Das ist typisch für die komplizierte und paradoxe Einstellung, die uns die sozialen Medien abverlangen. In den Anfängen des Internets war jede publizierte Seite ein Erfolg, egal, ob sie jemand las oder nicht. Ebenso ist ein Metzger der längere Zeit keine Wurst mehr verkauft, nicht lange mehr ein Metzger.

Ich bin damit nicht allein. Vielleicht findet sich jemand, hier oder dort, der weiter weiß?

  

3 Gedanken zu „Socialmedia im Kleinformat – am Beispiel Das Seminar

  1. Michael Wüst

    Wie ich das mit dem mitschnitten im radio gelesen habe musste ich schmunzeln, bin jahrgang 1975 und kann mich noch gut daran erinnern wie meine große Schwester die ZDF hitparade per Mikrofon und kasettenrecorder am Fernseher aufgenommen hatte. Da wir noch keinen Videorecorder hatten weiß gar nicht ob es die da schon gab. Ja man ist in der heutigen Zeit schon ein bisschen verwöhnt von der Technik und wird schnell bequem ist vielleicht gar nicht so verkehrt sich selbst um die mitschnitte zu kümmern. Auf jedenfall werde ich es probieren weil mir was an dieser Sendung liegt. Viele grüße Michael

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    1. Stefan B. Adorno Beitragsautor

      Lieber Michael,
      ich habe auch als Jugendlicher am Rekorder gehangen und mit zitternden Fingern die Start/Stop-Taste bedient, um ja den richtigen Einsatz nicht zu verpassen.

      Wenn uns das heute dank Mediatheken erspart bleibt, sollten wir nicht vergessen, welch ungeheuerer Aufwand dahinter steckt, der letztlich über Gebühren oder Werbung finanziert wird.

      Ich danke Dir für Dein Verständnis. Falls Du eine passende Software gefunden haben solltest, kannst Du vlt. anderen Deine Erfahrung weitgeben.

      Stefan

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  2. Sabine

    Lieber Stefan, liebe Mitlesenden,
    bei mir und meinem um drei Jahre jüngeren Bruder (1967 und 1970) war es Mal Sondocks Hitparade. 🙂
    Technisch kann ich nicht helfen, aber ich teile Deinen Artikel heute in meinem Blog. Ich find’s hochinteressant, über den Aufwand zu lesen und fänd’s für andere gut, darüber zu erfahren… ich fürchte, auch das bleibt – bei Dir wie bei mir – etwas für „Nischeninteressierte“. :-/
    Liebe Grüße,
    Sabine

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