Das Sammeln aller

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Gegenstände aus dem Haus der Mutter. Installation des Künstlers Song Dong

Die Tage erschien ein bemerkenswerter Blogbeitrag, der sich kritisch mit der fortwährenden Finanzierung großer Kulturinstitutionen beschäftigte. Wozu geht all das Geld vor allem an Opern und Theater?

Kulturpolitik: Wer verändert jetzt was?

Besonders gut gefiel mir der folgende Abschnitt:

In Kulturmanagement-Studiengängen wird zwar gerne von Cultural Entrepreneurship geredet und Studierenden beigebracht, wie man einen Business-Plan schreibt, in der Praxis jedoch wäre es verrückt, tatsächlich ein Kulturunternehmen im engeren Sinne zu gründen, da der Sektor von Subventionen verseucht ist. Nicht nur bringt also die bisherige Kulturförderung kaum Innovationen hervor, sie sorgt auch dafür, dass neue Akteure kaum eine Chance haben, auf dem Markt zu bestehen, da die öffentlichen Einrichtungen erstens eine enorme Masse an „Produkten“ (Veranstaltungen, Ausstellungen etc.) generieren und diese zweitens günstig anbieten können…

Tatsächlich wird wenig gesehen, dass staatliche Kulturfinanzierung die Preise drückt und dadurch andere Anbieter benachteiligt. Hans Abbing hat nachdrücklich darauf hingewiesen.

Das Problem liegt aber nicht darin, ob Einrichtungen der Hochkultur wirklich notwendig sind, sondern, ob die öffentliche Hand allein sie im bisherigen Ausmass finanzieren sollte.

So fragt Christian Holst auf den Beitrag von Axel Kopp:

In früherer Zeit war die Zentralsammlung ein Ergebnis technischer und politischer Zwänge. Es war logistisch zu aufwändig, dezentral zu sammeln und ihre Konzentration an einem einzigen Ort unterstrich die Ambition der jeweiligen Machthaber. Hofburgen und Hofsammlungen waren nahezu eins. In parlamentarischen Staaten des 19. Jahrhunders, besonders England und Frankreich, ging dann diese Aufgabe an den Staat über.

In heutiger Zeit ist diese Einengung obsolet geworden. Durch das Internet lassen sich beliebige Sammlungen jedweder Größe und Lokalität umstandslos zusammenfassen, darstellen und zugänglich machen. Für einen physischen Zentralspeicher besteht weniger Anlass denn je.

Für die bisherigen Institutionen der Sammlung sollte daher ein Umdenken einsetzen. So wie Uber keine Autos und AirBnB keine Hotelzimmer besitzt, sollten sich Theater und Museen von ihren Besitzständen trennen. Ein Theater hat keine feste Bühne und keine angestellten Schauspieler mehr, ein Orchester keine Musiker, sie vermitteln in Zukunft nur noch „Aufführungen“, so wie das Museum „Sichtweisen“. Damit einher ginge auch eine Neustrukturierung der großen Kulturbudgets hin zu einer Finanzierung von Akteuren statt von Institutionen.

Ist das nicht neoliberal?

Nun liesse sich einwenden, mit Hinweis auf Uber zöge die neoliberale Entgrenzung auch in den Kulturbetrieb ein. Dazu zwei Entgegnungen:

1) 90% aller Akteure in der Kultur sind doch schon „freigestellt“ und arbeiten unter unwürdigen Bedingungen. Selbst an den Bühnen, die innerhalb des Kulturbetriebs das meiste Geld bekommen, geht der Riss zwischen den Freien und den unkündbar Angestellten quer durch die Belegschaft. Es kann doch für eine Vielzahl von Menschen, die an den Rändern des Betriebs arbeiten nur besser werden, wenn das vorhandene Geld gleichmässiger verteilt würde.

2) Ist es noch fair, durch eine fragwürdige Unterscheidung von Hoch- und Sub- oder Populärkultur, Menschen, die von sich aus kulturelle Leistungen erbringen, von der Unterstützung auszuschliessen, wie sie sich aus der extremen Spreizung der Kultuausgaben ergibt? Dass diese Praxis schon in sehr kleinem Maßstab wirkt, zeigt ein Blick auf die Programmförderung der Stadt Hamburg. Auch für das Jahr 2017 wird da ein nahezu privater Aby-Warburg-Lesekreis, der 8. Salon, mit 14.000 Euro gefördert. Worin genau besteht der Unterschied zwischen dem 8. Salon und anderen Lesezirkeln, wie sie sich aus bürgerlicher Initiative überall in der Stadt finden?

Alle sammeln

Unter den Bedingungen des Internets, die es allen Menschen ermöglichen, eigene Sammlungen (ob auf Instagram, Pinterest, Tumblr etc) herzustellen und miteinander zu verknüpfen, kann die Schlußfolgerung nur darin liegen, die ungleiche Verteilung der Kulturausgaben endlich abzubauen.

P.S.

Ich will natürlich nicht sagen, dass jeder, der einen Instagram-Account sein eigen nennt, gleich Anspruch auf staatliche Finanzierung haben sollte. Aber es sollten mehr Mittel bereit gestellt werden, neue kulturelle Formate zu entwickeln, die dem Phänomen des allgemeinen Sammelns Rechnung tragen.

  

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