Die Thomas Mann Villa in Los Angeles – als Kultraum

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Skizze Thomas Mann Villa (anstelle eines Fotos)

Die Bundesrepublik Deutschland hat endlich die Thomas-Mann-Villa in Los Angeles erworben, die schon längere Zeit zum Verkauf stand und möglicherweise von einem anderen Eigentümer abgerissen worden wäre.

Wenngleich ich nicht speziell gegen den Kauf dieses Objektes bin und sogar selbst mitgebangt habe, bleibt mir gegenüber dieser kulturellen Praxis ein ungutes Gefühl zurück.

Die Gründe für mein Unbehagen liegen eigentlich auf der Hand und sind schon von Nietzsche unter dem Begriff der antiquarischen Historie gültig subsumiert worden.

Des weiteren wird damit in unserer säkularen Zeit eine Art von Animismus, eine Form des Totenkults praktiziert, der darauf beruht, dass ein berühmter Geist mal einige Jahre, genauer von 1941 bis 1952, an diesem Ort verbracht hat.

Man hat im Mittelalter Gegenständen von vermeintlich heilsgeschichtlicher Bedeutung, – Schweißtücher, Splitter vom Kreuz und weiteren Wunderzeugen – kultische Verehrung entgegen gebracht und Wallfahrten an die Stätten ihres Ursprungs organisiert. Das dünkt uns heute ein wenig seltsam, und doch vollbringen wir die gleichen Effekte, wenn wir Orte der Kultur besonders schützen und auszeichnen.

Aberglaube

Deutliche Worte über diesen Mechanimus, Kultur anstelle von Religion zu setzen, hat der in diesem Blog schon mehrfach zitierte Claus Borgeest gefunden:

Sie [die Kunstwerke] werden als ebenso bedeutungs- und geheimnisvoll angesehen wie die Seligkeit verheißenden Mysterien in der Antike und das durch göttliche Offenbarung zugängliche, aber nie ganz enthüllbare Glaubensgeheimnis im Mittelalter.

Ihre Heiligen sind die Künstler als Vorbilder und reine Repräsentanten dieser Lebensform. […] Ihre Klöster sind die Kunstvereine und Galerien als Pflegestätten des Kunstglaubens. […] Ihre Wallfahrtsorte sind die verlassenen Wirkungsstätten der Künstler. [!] (Das Kunsturteil, S. 164)

Das ist alles hinreichend bekannt, und trotzdem … scheint das Gefühl zu bestehen, wir könnten gar nicht anders. In der Theorie Robert Pfallers Ausdruck einer abergläubischen Einstellung: Ich weiß zwar, aber…

Als kleines Beispiel ein Ausschnitt einer Konversation auf Twitter:

Meine Erwiderung: etwa, indem wir Thomas Mann ausstopfen?

Gegen Kultur

Da die Thomas-Mann-Villa nur ein Beispiel für eine allgemeine Problematik ist, sei die Frage dahin erweitert, wie wir der Kultur (gegen die Verdummung) dienen können, ohne ihre Träger zu fetischisieren.

Marcel Proust hat sich dazu in seinem Essay ‚Sur la lecture‘ Gedanken gemacht, aufgrund derer er zum Schluß kommt, wir erwarteten von den großen Autoren Antworten, während sie uns nur lehren könnten, Fragen zu stellen.

Und es ist tatsächlich eine der großen und wunderbaren Eigenschaften der schönen Bücher, daß sie für den Autor ‚Schlußfolgerungen‘, für den Leser jedoch ‚Anreize‘ heißen können. Wir spüren genau, daß unsere Weisheit dort beginnt, wo die des Autors endet, und wir möchten, daß er uns Antworten gibt, wo er uns doch nur Wünsche geben kann. (S.243)

Und Alain de Botton erweitert dieses Argument im Hinblick auf die Frage, ob es sinnvoll sein könnte, nach Illiers, dem magischen Ort aus Prousts Jugend (im Roman Combray), zu pilgern.

Wenn wir nach Illiers führen, so de Botton, handelten wir genau den Intentionen des Autors zuwider, für den dieser Provinzflecken nur ein unübertragbares Beispiel seiner persönlichen Erkenntnismöglichkeiten war, kein unviverselles, weswegen wir besser Orte aufsuchten, die unseren eigenen Fragen entsprächen.

Wenn Literatur und die Beschäftigung mit einem Autor und auch seinen Lebensumständen einen Sinn ergäbe, dann, indem wir „unsere Welt mit seinem Augen“ und nicht „seine Welt mit unseren Augen“ betrachteten.

Gegen Thomas

Für die Thomas-Mann-Villa kann daher ihre Umwandlung in ein Kulturzentrum keine befriedigende Lösung darstellen. Ich stelle mir die Stipendiaten als Gäste eines Hausgespenstes vor. Wer wollte denn im ehemaligen Haus von Thomas Mann eigene Gedanken entwickeln können? Nur gegen ihn anschreiben.

Sollten wir eher Proust folgen, dann wäre vielleicht schon der geplante Umbau des Anwesens der geeignete Beginn. Ich könnte mir dafür Gregor Schneider vorstellen, zumindestens von der Anmutung seines Hauses Ur her. Wahlweise auch Eric van Lieshout. Wäre sein Womb-House nicht die treffende Metapher für ein kreatives Domizil?

Mir kam auch folgende Idee, – das ganze Haus komplett entkernen, alle Wände und Decken entfernen, so daß sich ein einziger großer Raum ergäbe. Dieser komplett verdunkelt und an einem Ende eine leuchtende Bar, der man sich verdutzt näherte wie Jack Nicholson dem „Gold Room“ in Shining. Anstelle des grindigen Barkeepers würde ich mir allerdings eines der aktuellen Hollywood-Starlets wünschen.

Scarlett Johansson …

(Die Kultur verteidigen, indem man sie bekämpft. – Proust)

  

2 Gedanken zu „Die Thomas Mann Villa in Los Angeles – als Kultraum

  1. WafSchaz

    Frau Johansson ist schon länger ein Star und angesehene Schauspielerin (Muse von Woody Allen)!
    Fand es ja so schade um das Haus von Rio Reiser und Ton Steine Scherben in Nordfriesland, Gut Fresenhagen. Sollte immer eine Stiftung werden, mit Seminarräumen… Und dann ist es doch verkauft worden. Hätte das Land Schleswig-Holstein mal kaufen sollen.
    http://www.shz.de/lokales/nordfriesland-tageblatt/plaene-fuer-rio-reiser-haus-hornissennest-bleibt-id7961071.html

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    1. Stefan B. Adorno Beitragsautor

      Nun, da sieht man, wie es um Künstlernachlässe bestellt ist. Thomas Mann ist (noch) wichtig, Rio Reiser schon nicht mehr.

      Und wie ergeht es jenen, die noch weiter ‚unten‘ stehen? Wir hatten dazu auch schonmal letztes Jahr bei der Konversationskunst darüber gesprochen

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