Wie ist es um Kunst als Medium der Wahrheit bestellt?

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Wenn Facebook alles über Dich weiß…

Unlängst hat Boris Groys in einem Beitrag für die Neue Zürcher den Versuch unternommen, Kunst auf ihre Fähigkeit hin zu untersuchen, ein Medium der Wahrheit zu sein. Es liegt nahe, hier eine Ähnlichkeit zu Claus Borgeest zu sehen, der Kunst nicht begründen konnte.

Die Herangehensweise von Groys ist aber recht verschieden von Borgeest, vor allem, weil sie die Bedingungen des Internets untersucht, von denen Borgeest noch nichts wissen konnte.

Das Argument von Groys, soweit ich es verstehe, läuft auf ein anthropologisches Problem hinaus. Wie ist ein autonomes Künstler-Subjekt in Zeiten der Totalüberwachung im Internet noch möglich?

Inwieweit das tatsächlich zutrifft, möchte ich an dieser Stelle verschieben und auf zwei problematische Prämissen bei Groys hinweisen.

Wer muss Kunst verstehen?

Zu Beginn seines Artikels fragt Groys, auf welche Weise Künstler (als Agenten der Wahrheit) die Welt verändern, und ob ihnen ihre Rezipienten dabei folgen könnten.

Groys stellt dabei die für die Avantgarden des 20. Jahrhunderts durchaus zutreffende Behauptung auf, Künstler und Publikum hätten sich durchgehend in selbst gewählten Verständigungsschwierigkeiten bewegt.

Künstler sollten niemals etwas machen, was sie wirklich mögen, weil das, was sie mögen, sehr wahrscheinlich banal und künstlerisch uninteressant ist. In der Tat wollten die künstlerischen Avantgarden nicht gemocht werden. Und – was noch wichtiger ist – sie wollten nicht «verstanden» werden, sie wollten nicht die Sprache sprechen, die ihr Publikum sprach. Äusserst skeptisch waren die Avantgarden dementsprechend hinsichtlich der Möglichkeit, auf die Seelen des Publikums einzuwirken und eine Gemeinschaft zu erschaffen, zu der sie selbst gehören.

Was Groys dabei aber außer acht lässt, ist die Frage, warum die Kunst an dieser Sprachlosigkeit nicht zugrunde gegangen ist. Woran lag der außerordentliche Erfolg der klassischen Moderne, wenn Künstler und Publikum sich nichts zu sagen hatten? Das kann nur bedeuten, dass es noch andere Akteure im Spiel gab, die die Macht besassen, diese Kunst durchzusetzen. Sagen wir, Galeristen, Kritiker, Kuratoren, Sammler, Kulturpolitiker, Museumsagenten. Von ihnen spricht Groys nicht.

Und wer ist ein Künstler?

Groys sieht, wie andere auch, dass jeder mittels Hilfsmitteln im Internet Bilder, Filme und Texte allen jederzeit zugänglich machen kann. Er folgert daraus:

In unserer Zeit gibt es niemanden mehr, der nicht in irgendeine künstlerische Aktivität einbezogen ist.

Das ist leider zu unpräzise. Spätestens seit den 1960er Jahren besteht die Arbeit eines Künstlers nicht mehr darin, irgendetwas herzustellen, weder Bilder noch irgendwelche anderen Artefakte. Seine eigentliche Leistung besteht darin, sich in die Diskurse der Kunst einzuschreiben. An anderer Stelle schreibt Groys daher auch: „Das eigentliche Werk eines Künstlers ist sein Lebenslauf.“

Groys hätte besser von Kreativität sprechen sollen. Wer Bilder und Filme ins Internet lädt, ist nach allgemeiner Vorstellung kreativ. Dass im Internet Millionen von Bildern zum allseitigen Konsum existieren, tangiert die Künstler daher auch nur mittelbar. Sie haben sich aus diesem Teil des Spiels längst zurück gezogen und betreiben Kunst in einer Esoterik, die mit Instagram wenig gemein hat.

Dementsprechend schreibt Claus Borgeest:

Ein Werk käme dann nicht ins Museum, weil es ein Kunstwerk ist, sondern ein Werk wäre ein Kunstwerk, weil es im Museum ist. (Das Kunsturteil, S.114)

Könnten wir analog behaupten, „ein Werk wäre ein Kunstwerk, weil es auf Instagram ist“?

Die Wahrheit der Kunst kann daher weder allein bei den Künstlern zu suchen sein, noch durch ein Übermaß an bildnerischer Kreativarbeit im Internet in Frage gestellt werden.

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Was sagst Du zu dem Text von Boris Groys? Kann er uns helfen, die Wahrheit in der Kunst zu entdecken?

  

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