Elbkulturfonds – was bringt er Hamburgs KünstlerInnen?

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Magere Bilanz

In Hamburg existiert seit 2013 ein Elbkulturfonds als Instrument der Kulturpolitik, der mit einem Volumen von jährlich 500.000 Euro Projekte der „Freien Szene“ (Tanz, Theater, Kunst, Musik) finanziert. Das Budget des Fonds entstammt der ebenfalls 2013 eingeführten Kultur- und Tourismustaxe, die die private Übernachtung in der Hansestadt besteuert. 2014 kamen daraus Einnahmen von 11 Millionen Euro zustande.

Der Elbkulturfonds ist im Vergleich mit anderen ähnlichen Institutionen nicht schlecht ausgestattet. Nach vorsichtigen Schätzungen kann man die Ausschüttung der Hessischen Kulturstiftung (14 Atelier und Reisestipendien) auf etwa 200.000 Euro pro Jahr beziffern. (Hessen zudem hat 6.1 Mio. Einwohner)

Doch was genau kommt aus den Mitteln des Elbkulturfonds bei den KünstlerInnen an? Wie stehen mögliche Zuwendungen aus dem Elbkulturfonds zur wirtschschaftlichen Gesamtsituation der KünstlerInnen?

Ich möchte die folgende sehr allgemein angelegte Berechnung anstellen. Die Zahlen dazu enstammen der Künstersozialkasse (KSK), wobei ich annehme, dass Versicherte als Selbständige in etwa auch den Anspruchsberechtigten des Elbkulturfonds entsprechen. (Und es gibt auch noch KünstlerInnen, die gar nicht in der KSK sind.)

Deutschland hat 81.459.000 Einwohner. Hamburg hat 1.770.162 Einwohner. Damit sind 2,17% der Deutschen Hamburger. (Ich gehe mal von diesem Durchschnittswert aus, wenngleich zu bedenken ist, dass mehr Künstler in einer Großstadtleben dürften, als auf dem Land.)

Bildende Kunst

63.079 Versicherte der KSK sind im Bereich Bildende Kunst tätig. Sie erzielten 2014 ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 15.112 Euro.

Legen wir den Anteil der Hamburger an der deutschen Bevölkerung zugrunde, dann leben etwa 1369 Bildende KünstlerInnen in Hamburg.

Daraus ergibt sich (1369 x 15.112) ein Gesamteinkommen von 20.685.521 Euro im Jahr.

Darstellende Kunst

24.400 Versicherte der KSK sind im Bereich Darstellende Kunst tätig. Sie erzielten 2014 ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 14.971 Euro.

Legen wir den Anteil der Hamburger an der deutschen Bevölkerung zugrunde, dann leben etwa 529 Darstellende KünstlerInnen in Hamburg. (Das dürfte zu niedrig angesetzt sein.)

Daraus ergibt sich (529 x 14.971) ein Gesamteinkommen von 7.926.845 Euro im Jahr.

Musik

50.732 Versicherte der KSK sind im Bereich Musik tätig. Sie erzielten 2014 ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 12.931 Euro.

Legen wir den Anteil der Hamburger an der deutschen Bevölkerung zugrunde, dann leben etwa 1101 MusikerInnen in Hamburg.

Daraus ergibt sich (1101 x 12.931) ein Gesamteinkommen von 14.235.536 Euro im Jahr.

Alle zusammen

Alle drei Sparten (die vom Elbkulturfonds 2016 finanziert wurden) erzielen ein Gesamteinkommen in und für Hamburg von ungefähr 42.847.902 Euro im Jahr.

Gemessen daran ergibt der Einkommenszuwachs, den KünstlerInnen aller Sparten durch den Elbkulturfonds erwarten können, gerade mal 1,16%.

Diese Zahlen sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. So ließe sich argumentieren, die KünstlerInnen hätten in Wirklichkeit ein viel geringeres Einkommen als bei der KSK gemeldet, womit sich die Auswirkung des Elbkulturfonds erhöhte.

Dagegen steht aber, dass das Einkommen der KünstlerInnen erst durch einen weitaus größeren Umsatz (Ateliermiete, Arbeitsmaterialien etc) erzielt wird, den die KünstlerInnen erst erwirtschaften müssen. Auch bezahlt der Elbkulturfonds den KünstlerInnen nicht im eigentlichen Sinne ein Honorar, sondern beteiligt sich an den Gesamtkosten eines Projektes.

In welchem Verhältnis Umsatz und Gewinn bei KünstlerInnen stehen, dürfte schwer zu ermitteln sein. Aber schon konservative Überlegungen verschlechtern den Anteil des Elbkulturfonds an den Einnahmen der KünstlerInnen.

Umsatz zu Gewinn 2:1 = 128.543.706 Euro Umsatz = 0,39 % Einkommenszuwachs durch den Elbkulturfonds.

Umsatz zu Gewinn 1:1 = 85.695.804 Euro Umsatz = 0,58 % Einkommenszuwachs durch den Elbkulturfonds.

(In diese Summen sind auch noch direkte und indirekte Steuern einzubeziehen, die aus der Arbeit der KünstlerInnen entstehen. Sie könnten schon mehr als den Umfang des Elbkulturfonds ausmachen.)

Hinzu kommt noch der Umstand, dass der Elbkulturfonds keineswegs das Einkommen aller KünstlerInnen vermehrt, sondern nur das eines kleinen Teils. 2015/2016 wurden 6 Projekte gefördert. Vielleicht sind davon in etwa 100-200 Personen betroffen. Nicht alle müssen KünstlerInnen sein. Das Geld kommt auch Handwerkern, Händlern und anderen Dienstleistern zu gute. Verglichen mit der Gesamtzahl von 2999 anspruchsberechtigten KünstlerInnen profitiert also nur eine sehr kleine Gruppe vom Elbkulturfonds. Das ist auch sonst so in der Kunst. Eine Lotterie.

Resümee

Der Elbkulturfonds dürfte aufgrund seiner Ausstattung und seinen Zielen in der Politik, der allgemeinen Öffentlichkeit und in Teilen der Kulturszene positiv wahrgenommen werden. So spricht die Abgeordnete Gabi Dobusch (SPD) auf ihrem Blog davon, die „Freie Szene profitiere vom Elbkulturfonds„, „im Bereich Freie Theater hätten Senat und Fraktion in den letzten Jahren Verbesserungen der Rahmenbedingungen auf den Weg gebracht.

Demgegenüber zeigt die hier vorgebrachte, recht vorläufige Kalkulation, dass sich die Einkommenssituation der meisten KünstlerInnen in Hamburg durch den Elbkulturfonds kaum verbessern dürfte. Sie läge unter den positivsten Annahmen bei gerade mal mageren 1,16%!

Selbst die vagen Zahlen hinsichtlich Anzahl und Einkommensverhältnissen von KünstlerInnen, die die KSK liefert, machen deutlich, dass noch so gut gemeinte kulturpolitische Einrichtungen und Maßnahmen an der grundlegenden finanziellen Situation der Künstlerschaft wenig ändern können.

Würde die Gesellschaft den KünstlerInnen ein durchschnittliches Einkommen zugestehen, das bei ungefähr 30.000 Euro liegt, und nähmen die KünstlerInnen das für sich selbst in Anspruch, kämen sie hingegen auf einen Einkommenszuwachs von ganzen 100%!

Wenn man bedenkt, welchen Aufwand die Einrichtung eines solchen Kulturfonds bedeutete, dem noch Konzeption und Durchsetzung einer Tourismussteuer voranging, dann ist das Ergebnis erstaunlich dünn.

Für das entsprechende Geld hätte man auch gleich eine Imagekampagne für Hamburg bekommen können, denn eben diesen Zweck erfüllt der Elbkulturfonds auch, wenn auf seiner Projektseite unverhohlen von einer „Strahlkraft […] über Stadtgrenzen hinaus“ geschrieben wird. Mit dem kleinen Unterschied, dass hier die KünstlerInnen (und zwar alle, – auch die, die sich schon bewerben) an einer verdeckten und raffinierten Form des Crowdfundings teilnehmen, mit der sie, wie es ein Jury-Mitglied 2013 ausdrückte, Verantwortung übernehmen!

  

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