Verhandeln – ein Unwort im Kunstkontext

Beipiel für Verhandeln im Beiblatt zur Ausstellung Die Sieben Künste von Pritzwalk

Beiblatt zur Ausstellung Die Sieben Künste

Verhandeln, das ist eines der modischen Buzz- und Blubberwörter ohne das keine relevanter Text im Kunstkontext auskommen kann.

Das nichts sagt und garantiert dann zum Einsatz kommt, wenn es nichts zu verhandeln gibt.

Man könnte statt ‚verhandeln‘ einfach ‚besprechen‘ sagen, aber das klingt nicht so gewichtig, vielleicht, weil in der großen weiten Welt auch immer ‚verhandelt‘ wird. In der Regel mit zweifelhaftem Erfolg. Wie in der Kunst auch.

Neulich ist mir ein besonders drastisches Beispiel aufgefallen. Ich war durch Zufall in Potsdam, wo in einem kleinen Pavillon auf der Freundschaftsinsel ein Projekt von Clegg und Guttmann vorgestellt und dokumentiert wurde: Die 7 Künste von Pritzwalk.

Dem Besucher wurde ein Faltblatt gereicht, zwecks Erläuterung dieser offenkundig nicht selbsterklärenden Arbeit. Zu der Abbildung einer Sammlung von Kinder- und Jugendbüchern aus der DDR las ich folgendes:

Nach einem Projektvorschlag von Katja Rosenbaum entstand 2014 im Rahmen des Projektes eine DDR-Kinder- und Jugendbibliothek. Der Grund war nicht Nostalgie, sondern der Gedanke, dass Kinderbücher als Spiegelbilder ihrer Zeit ein Verständigungsmedium sein könnten, mit denen Großeltern und Enkel die Geschichte der Stadt verhandeln könnten.

Wie kann man überhaupt die Geschichte einer Stadt ‚verhandeln‘? Wer mit wem? Und die Enkel? In welchem Alter?

Durch Zufall fand ich auf der Original-Projektseite eine frühere Version dieser Angelegenheit, die sich dort wie folgt liest:

Sie [die Kinderbücher] erzählen nicht nur “zeitlos” Geschichten für Kinder, sondern sind auch Zugänge zur Kindheitsgeschichte der Eltern und Großeltern, über die sich zu verständigen eine generationenübergreifende Herausforderung geworden ist.

Sieh an! Das klingt doch verständlicher. Statt ‚Geschichte der Stadt‘ ist hier von ‚Kindheitsgeschichte‘ und statt ‚verhandeln‘ von ‚verständigen‘ die Rede.

Es liegt der Verdacht nahe, der ursprüngliche Text sei nachträglich von dem oder der Kurator/in in ihr eigenes Idiom verändert worden.

* * *

Zum Schluß eine persönliche Anekdote. Das Wort ‚verhandeln‘ habe ich zum ersten Mal um 2005 aus dem Mund von Isabelle Graw während einer Konferenz der Städelschule gehört.

Wenig später hatte ich die – zugegeben aberwitzige – Idee mit Frau Graw über eine Professur an der Städelschule für mich zu sprechen. Nein, nicht zu verhandeln!

Dabei stellte sich heraus, dass Frau Graw weder eine öffentliche Sprechstunde abhielt, noch irgendwo am schwarzen Brett oder im Vorlesungsverzeichnis Kontaktdaten (Telefon oder Email) anbot. Das Sekretariat wollte nichts herausrücken.

Soweit zur Möglichkeit des ‚Verhandelns‘ in der Kunst.

  

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