Kunst als Religion

Zum Abschluß seines Buchs Das Kunsturteil kommt Claus Borgeest zu der wenig verwundernden Überzeugung, Kunst trüge alle Merkmale einer Religion:

Die Kunst ist die ideologische Erhöhung einer Lebensordnung und Lebensform, deren Gott der Mensch selbst ist und die eine eigene Ethik hervorgebracht hat, welche in die gesellschaftliche Wirklichkeit hineinwirkt.

Ihr erstes Gebot verpflichtet zum Glauben an die Kunst und ihre Wirkungen, zur Unterlassung des Zweifels und der mißbräuchlichen Anwendung ihres Namens.

Das zweite ist das Verbot, sich einen Begriff von ihrem Wesen zu machen, denn das würde ihre Unnahbarkeit aufheben.

Das dritte ist die Aufforderung regelmäßig die Stätten der Erbauung aufzusuchen und sich der Wirkung der Werke hinzugeben.

Das vierte ist das Gebot, die Tradition der Kunstverehrung zu bewahren und darüber zu wachen, daß nur der die Kunst erklärt, der sich dem ersten Gebot unterworfen hat.

Die weiteren, das praktische Leben und die Werthaltung regulierenden Gebote bestehen aus dem Bekenntnis zum Individualismus, der Verpflichtung zu freier Selbstbestimmung und Geltendmachung der persönlichen Eigenart, aus der Toleranz oder gar Verehrung gegenüber allen Besonderheiten, Schrullen, Perversitäten, Exorbitanzen, Paradoxien, Pikanterien und Idiotismen und aus der Verachtung für alles Massenmenschentum und Fellachendasein. (S. 164)

Der beißende Sarkasmus, der aus diesen Zeilen spricht und den Autor gegen Ende des Zitats hin übertreiben lässt, – und ihn in kulturpessimistische Fahrwasser zu bringen droht -, steht doch inhaltlich in Nähe zu Bourdieu, der aus seiner soziologischen Perspektive, Kunst und Hochkultur als Weihehandlungen der höheren Gesellschaftschichten ansah, die nicht weiter erklärt werden müssen, weil ihre Träger einvernehmlich über die entsprechende gesellschaftliche Distinktionshaltung verfügen.

  

Ein Gedanke zu „Kunst als Religion

  1. Sabine

    Hallo Stefan, hallo eventuell Mitlesende,

    ich erlaube mir, meine facebook-Antwort zu Deinem letzten ‚Seminar‘ hier als Antwort zu hinterlassen, weil sich das ‚Seminar‘ u. a. auf das Thema bezog:

    Ich kann es verstehen, dass man solche Vergleiche zieht… Wenn in 100 Jahren keiner mehr erklären kann (unabhängig davon, dass er es rein physisch nicht kann, weil er tot ist 😉 ), was ihn mit „Kunst“ verbunden hat, dann bleibt der Charakter des Statussymbols (Marktwert) und – eventuell daher rührend – der Modeerscheinung (als gesellschaftlicher Zwang; die und die Ausstellungen dieser und jener Berühmtheiten der Szene muss/te man gesehen haben).
    Das, was man auch in 100 Jahren noch verstünde: persönliche Begeisterung aus persönlich erklärter gleich begründeter Betroffenheit, wird ohne die Menschen, die das erzählen, weit nachfolgenden Generationen kaum vermittelbar sein.

    Weitere Gedanken dazu in Kürze auch bei mir…

    Viele Grüße,
    Sabine

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