Das Schweigen

In dem überaus instruktiven Buch von Claus Borgeest, Das Kunsturteil, findet sich auch die folgende Passage zum Status der Kunst in der Gesellschaft:

Man kann die Künstler als eine Variante komischer Heiliger ansehen und die Kunst in eine Reihe stellen mit Astrologie, Hellseherei, Tischerücken und Kaffeesatzlesen.

Diese Denkweise ist in weiten Teilen der Bevölkerung auch verbreitet, wenngleich andererseits nicht geleugnet werden kann, daß Kunst in unserem gesellschaftlichen Leben eine Sonderstellung einnimmt, die das Maß des ihr entgegengebrachten Interesses weit überschreitet.

Es gibt kaum eine Zeitungsausgabe, in der nicht über Kunst berichtet wird, sie zu fördern und zu verehren gilt, – zumindest als Anspruch an die Wohlhabenden und Gebildeten – als eine moralische Pflicht, und die Väter des Grundgesetzes haben die Freiheit der Kunstausübung ausdrücklich unter den Schutz der staatlichen Gewalt gestellt.

Das Ergebnis ist Schweigen.

 

Eine erfrischende Polemik, die den Zwiespalt genau umreißt, in dem sich Kunst und Künstler befinden.

Seit dem Erscheinen dieser Zeilen hat das Interesse an Kunst nochmals deutlich zugenommen. (Und wird nur noch von dem ihr nachfolgenden Kreativitätsdiskurs übertrumpft.)

Und dennoch bleibt das ungute Gefühl, es werde eigentlich nichts substantielles gesagt.

  

Ein Gedanke zu „Das Schweigen

  1. Sabine

    Hallo Stefan, hallo alle Mitlesenden,

    spontane Reaktion: definiere „Interesse“. 😉

    Ich selbst kenne mehr Menschen, denen „Kunst“ nicht nah ist, die nicht sagen können, was sie mit ihnen vielleicht zu tun hat. Und wenn manchmal doch, ist es kein grundsätzlicher, kein dauerhafter Zustand.

    Meine persönliche Theorie ist ja, dass die Kunsterziehung da schon in jungen Jahren versagt, was aber in das von mir als ausgrenzend empfundene System passt. Wenn „Kunst“ nicht als natürliche Ausdrucksform gelehrt wird, sondern in der Schule bereits vorbereitet wird auf das „Marktsystem Kunst“, dann entwickeln auch weit weniger Menschen einen natürlichen Bezug, und „Interesse“ habe ich tatsächlich doch meist an Dingen, die mit mir konkret zu tun zu haben scheinen. Und um das Schweigen oder die Sprachlosigkeit aufzugreifen; das kennt man doch von sich: wovon man meint, „keine Ahnung“ zu haben, dazu schweigt man eben lieber…

    für mich ist die Frage: wie schafft man Nähe und damit ECHTES Interesse?

    LG,
    Sabine

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