Wann ist Kunst ein Misserfolg?

Wann darf Kunst scheitern?

Wann darf Kunst scheitern?

Was Erfolg in der Kunst ausmacht, lässt sich, zu mindestens im oberen Drittel, leicht bestimmen. Wenn der internationale Kunstmarkt anspringt, bedeutende Sammlungen nachziehen und die Aufnahme in entsprechende Rankings erfolgt. Nachfolgende Karrieren werden dann gerne in Märchenform kolportiert („Künstler kommt mittellos nach New York….“). Siehe dazu in letzter Zeit den Maler Robert Janitz.

Schwieriger dagegen ist der Misserfolg auszumachen. Denn anders als der Erfolg, der nach landläufiger Meinung keine weitere Erklärung verlangt, läuft der Misserfolg immer Gefahr eine Begründung oder Rechtfertigung einzufordern. Jedes Scheitern ist mit Scham belastet, so dass eine mögliche Verantwortung dafür, wenn nicht zurückgewiesen, so doch relativiert werden muss. Wie anderswo auch, droht Misserfolg in der Kunst kaschiert zu werden.

Eine Auslegung des Scheiterns in der Kunst ist daher geboten, denn sie hilft zu verstehen, ob die verbreitete Armut unter Künstlern selbst gewählt, selbst verschuldet oder strukturell bedingt ist, wie etwa die Ausführungen von Hans Abbing nahelegen.

Im Folgenden möchte ich anhand der wichtigsten Akteure des Kunstbetriebs untersuchen, welche Modalitäten des Misserfolgs denkbar sind.

Galerien

Wenn kommerziell orientierte Galerien nichts verkaufen, gehen sie pleite. Staat und Finanzamt erlauben nur für begrenzte Zeit eine Verlustabschreibung oder Quersubventionierung. Nur wenn der Galerist oder Galeristin (sprichwörtlich die Zahnarztgattin) über schon versteuerte Einkünfte verfügt, ist ein Weiterbetrieb möglich. Die Zahl der Galerien, die auf diese Weise existieren, dürfte nicht unerheblich sein. Schätzungen zufolge macht die Hälfte aller Galerien in Berlin nicht einmal 50.000 Euro Jahresumsatz.

Institutionen

Museen und Kunsthallen werden durch die öffentliche Hand finanziert. Solange der Wohlstand in Deutschland anhält, ist mit ihrer konsequenter Abschaffung nicht zu rechnen. Viele Kommunen sind jedoch in Finanznot. Auf die Institutionen wirkt sich das in Form von Budgetkürzungen aus, die Entlassungen, Einschränkungen der Öffnungszeiten, zeitweiliges Schließen von Abteilungen, Abnahme von Ankäufen, Strecken oder Verschieben von Ausstellungen nach sich ziehen können.

Auch wenn die Besucherzahlen in den letzten Jahren zu immer stärkeren Messgrößen für den Erfolg einer Institution herangezogen wurden, dürfte auch ein Ausbleiben der Besucher nicht zu ernsthaften Konsequenzen für die Häuser führen. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich darin, dass den Kulturpolitikern der Zustand der Bühnen und Orchester weit mehr Sorgen bereitet, als der der Museen. Infolge ihrer Personalkosten liegen die Etats der Theater um den Faktor 3 bis 10 über denen der Kunstbetriebe. Schließungen im Bereich der Bühnen sind daher nicht ausgeschlossen.

Kunstvereine

Größere Städte unterstützen ihre Kunstvereine wenigstens soweit, dass sie Raum- und Personalkosten decken können. Darüber hinaus wird es dünn. Die finanzielle Lage der Kunstvereine ist durchaus prekär. Ähnlich den Institutionen schadet ihnen Besuchermangel oder sonstiges Ausbleiben an Aufmerksamkeit aber nicht wirklich. (Das dem ehemaligen Leiter des Hamburger Kunstvereins Yilmaz Dziewior zugeschriebene Bonmot, das fehlende Interesse spräche für die Qualität der Ausstellungen, steht dafür exemplarisch.) Denn für die Kulturpolitik sind sie, die Kunstvereine, eine preisgünstige Spielwiese, die die klassischen Institutionen von der Zumutung entlastet, Experimente wagen zu müssen. Der Jahresetat eines Kunstvereins entspricht in etwa dem Minimalbudget einer halbwegs durchschnittlichen Ausstellung in einer Kunsthalle.

Nur Kunstvereine in Städten unterhalb von 100.000 Einwohnern sind von Auflösung oder Schließung bedroht. Aufgrund der engeren Kulturbudgets hängen sie weitaus mehr vom Engagement ihrer Mitglieder ab. Mangelndes öffentliches Interesse wirkt daher direkt auf die Motivation der Mitglieder und ihre Bereitschaft sich für „ihren“ Kunstverein einzusetzen.

Offspaces

Alternative Kunst- und Produzentenräume kommen und gehen. Ihre Konjunktur hängt dabei wesentlich vom Zugang zu preiswertem Ausstellungsraum ab. Gründe für ein Verschwinden der Projekte liegen meist in äußeren Umständen, wie Abriss, Kündigung oder unerträglichen Mieterhöhungen (die nicht von der gelegentlichen Förderung ausgeglichen werden können). Manchmal bedeutet Streit unter den BetreiberInnen das Ende. Hin und wieder kommt auch „upgrading“ vor, wenn aus dem umkommerziellen Ausstellungsraum eine kommerzielle Galerie entsteht, die dann auch gerne aus der Randlage in die Nachbarschaft ihresgleichen verzieht.

Wo hingegegen eine kohärente BetreiberInnenschaft einen beständig mit öffentlichen Geldern versorgten Raum führt, setzt schließlich institutionelle Sklerotisierung ein. Es entsteht ein Kunstverein zweiter Klasse, dem weder Besuchermangel noch belanglose Ausstellungen etwas anhaben können, solange die Peergroup zusammenhält und die Bar befüllt. Aufgrund der evidenten Neuigkeit dieses Phänomens, das erst durch die Ausweitung der Kulturförderung in den 1980er Jahren möglich wurde, ist ein abschließendes Urteil über seine Permanenz erst nach dem Aussterben der Kernbelegschaft möglich.

Einzelkünstler

Äußere Gründe für Misserfolg oder Scheitern, in deren Folge von der eigenen Kunst Abstand genommen wird, existieren für EinzelkünstlerInnen praktisch gar nicht.

Nichts zu verkaufen oder von seiner Kunst nicht leben zu können, stellt keinen Makel dar. Armut ist kein Indiz für ein Versagen. Gegebenenfalls bedeutet sie sogar Auszeichnung.

Schon an den Kunsthochschulen wird ein entsprechender Habitus eingeübt, dem zufolge wahre Kunst nicht von wirtschaftlichem Erfolg abhängen darf. Des weiteren protektioniert die Gesellschaft in der Kunst eine Einstellung, die Freiheit und Zwecklosigkeit über ökonomische Interessen stellt und sich entsprechend wirtschaftsfern geriert. „Kultur darf keine Ware werden“, skandierten noch unlängst die GegnerInnen des Freihandelsabkommens TTIP.

Wenn die EinzelkünstlerIn es geschafft hat, sich durch einen Nebenjob, durch Unterstützung durch einen Partner oder die Familie oder durch eine Erbschaft vom Zwang unmittelbar mit der eigenen Kunst Geld zu verdienen emanzipiert hat, ist sie fortan von jeder weiteren äußeren Infragestellung ihrer künstlerischen Haltung befreit. (Manche habe derweilen noch das Pech, ein Kind zu bekommen. Aber auch das lässt sich bewältigen.)

So kann denn auch Hartz IV zynisch zu einem Stipendium oder einer Projektförderung umgedeutet werden. Und das noch utopische Bedingungslose Grundeinkommen suggeriert auf perfide Weise Kunst könnte ohne jede Evaluation von außen bewerkstelligt werden.

Eben sowenig verursacht weitergehende Erfolglosigkeit im Kunstbetrieb eine schwerwiegende Irritation oder gar Infragestellung der eigenen „Leistung“. Vielleicht Frustration oder ein diffuses Gefühl des Ungenügens, das selten über den engeren Freundeskreis hinaus eine Artikulation findet. Hier erweist sich die Selbstorganisation als Fluch und Segen zugleich. Immer findet sich irgendwo in einem der zahlreichen Offspaces oder Künstlerhäuser eine Gelegenheit zur Präsentation. Ihre Existenz wirkt letztlich systemstabilisierend, was wohl den Grund ausmacht, warum sie widerstrebend von der öffentlichen Hand unterstützt werden. Sie sind die billige Entschuldigung Galerienversagen oder Selektionsmechanismen der Institutionen nicht weiter thematisieren zu müssen.

Die Vorstellung, was die eigene Kunst bedeutet und ausmacht, reproduziert sich mithin vollständig subjektiviert. Monadisch lebt sie vom Fettpolster der inneren Heilsgewissheit.

Dermaßen abgeschottet kann die eigene künstlerische Entwicklung nur noch infinitesimal verlaufen. Ist erst mal die Grenze um das 40. Lebensjahr überschritten, nach der Preise, Stipendien und andere öffentliche Aufmerksamkeiten merklich nachlassen, bleibt letztlich offen, worin noch der Kunstanspruch seine materielle Basis erwirkt. Eine Ausstellung im Jahr, ein Atelier, ein Klacks Geld vom Kulturamt, ein kleiner Katalog, und hier und da ein paar Freunde, die ein Lob über die Lippen bringen.

Man kann das schätzen, man kann das bedauern, man kann sich damit begnügen. Es geht auf jeden Fall immer so weiter.

Dass dennoch unter den KünstlerInnen mit der Zeit Schwund eintritt, dürfte Abrieb durch Erschöpfung, unbilligen Umständen (Kinder, Partner, Krankheit), sowie Freuden des Gelderwerbs im Nebenjob geschuldet sein, selten jedoch der Einsicht in die Sinnlosigkeit des eigenen Tuns.

Ohne Chance auf Scheitern aber arm

Diese skizzenhaften Ausführungen machen hoffentlich deutlich, dass es um den Misserfolg in der Kunst schlecht bestellt ist. Eine im bürgerlichen Sinne verstandene Insolvenz ist allenfalls bei Galerien möglich. Und auch da unter Vorbehalt. Weite Teile des Kunstbetriebs sind vom Scheitern ausgenommen. Besonders die Einzelkünstler.

Paradoxerweise bedeutet das nicht, dass es allen einigermaßen gut geht, sondern, dass Armut, prekäre finanzielle Lage und Bedeutungslosigkeit ohne Korrelation auf welche Umstände auch immer existieren und hingenommen werden. Ihr Fortbestand scheint daran gekoppelt zu sein, dass es keinen Exit geben kann und darf. Wie eingangs angedeutet, legt jedes Scheitern implizit nahe, es habe auch Gründe dafür gegeben. Sie zu benennen ist in der Kunst offensichtlich nicht möglich. Folglich das Scheitern auch.

Die Konsequenz besteht in einer schattenhaften Parallelwelt, einem mittleren Jenseits, einem endloses Kakanien, von dem aus die es umgebende Wirklichkeit allenfalls diffus böse, leidlich unfreundlich, letztlich aber als alternativlos wahrgenommen wird.

Die eigentliche Frage nach den Gründen für diesen seltsamen Tatbestand habe ich bewusst vermieden. Mir ging es vorerst darum, die Modalitäten des Misserfolgs zu präparieren und der Anatomie zugänglich zu machen. Weitere Fragen sind jetzt möglich und notwendig.

18 Gedanken zu „Wann ist Kunst ein Misserfolg?

  1. Stefan B. Adorno Artikelautor

    M. schrieb mit in einer Mail:

    Hallo Stefan,

    kurze Rückmeldung auf deinen Artikel.

    Gut, das Thema zu benennen.
    Gut, es allgemein zu umreißen.
    Hast du gemacht.

    Darüberhinaus beginnt es … tja was? zu greifen, zu fußen, anfaßbar zu werden.

    Das Thema hat die Dimension für ein ganzes Buch.
    Für eine Forschung.

    Anhand deines Essays fühlt man sich überhaupt erst einmal angesprochen,
    sich ins Verhältnis zu setzen zum Scheitern.

    Mir ist diese Kategorie viel näher, oder vertraut.
    Solange ich keinen Erfolg habe, bin ich ein Hobbykünstler.
    Was heißt Erfolg?
    entweder: Mehr Geld rein kommt als ich dafür ausgebe
    oder: eine Anerkennung / Wirkung, die den Freundeskreis weit übersteigt, selbst wenn sich das nicht auszahlt.

    Dann gibt es den Erfolg vor sich selbst.
    Etwas geleistet zu haben.
    Mit dieser Schattenwelt möchtest du aufräumen.
    Tu es.

    Die Einschätzung der Eigenwertigkeit ist das Schwierigste,
    weshalb es ja wiederum richtig ist, daß nur der Erfolg zählt, usw.

    Das Unbehagen alternder Künstler ist einfach so „anspringend“
    – so kommt es zu mir –
    daß das Thema wichtig ist im Sinne einer Befragung.

    Die „Jungen“, die Künstler als Lebensform sind, spielen, tummeln sich — nerven etwas.

    Und das weite Mittelfeld wird langsam nerveaus.

    Die Kriterien, nach denen man subjektiv – vor sich selbst – scheitert
    wären / sind interessant.
    Die Kriterien, nach denen man subjektiv – vor sich selbst – nicht scheitert,
    wären ebenso interessant / noch interessanter,
    Diese sind es, die sich „objektiv“ / in Form einer Untersuchung / anhand von – sagen wir – Kant’scher Kriterien
    untersuchen / in Frage stellen lassen / entlarvt werden können / als relevant bestehen bleiben / … /

    Den umgekehrten Fall wird es geben: jemand gibt sich als gescheitert aus:
    und du munterst ihn auf, weil du seine Arbeit für signifikant, für tragfähig hältst.
    Das wäre die Ausnahme von der Regel.

    Ich sage: das meiste in der Kunst ist beliebig, privat, und darf scheitern im Sinn einer
    nicht weitergehenden Öffentlichkeit als der unter Bekannten erreichten in deinen genannten Räumen.
    Wir sind nicht allein. Wir sind unter 100tausenden und erzählen es 100tausendfach.

    Ich verstehe zum Beispiel nicht wie das Roman-Sujet mit 100tausenden von Romanen bestückt / beliefert wird
    und gelesen! Und Autoren schreiben, schreiben, schreiben und wachsen nach.

    Nicht anders in der Kunst, nur daß es viel weniger gekauft wird, sondern mehr „umsonst“ angeschaut.

    Wieder anders in der Musik. Da wird es aufgeführt. man bezahlt Eintritt. Da wird es gekauft, wenn auch nur in kleinen Labels.
    Da gehört es zum Leben dazu, bis die Musiker sterben. Und trotzdem, sind sie und fühlen sie sich erfolglos gemessen an …
    bis auf den Moment, wo sie auf der Bühne stehen. Das ist es. Das ist es wirklich.

    Ich finde Thesen erst einmal richtig.

    »Diejenigen, die gefunden werden, sind zurecht gefunden worden.«
    Wenn du der Annahme wärest, unter den nicht Gefundenen, gäbe es bessere, gäbe es Originale,
    schade, wenn jemand nicht gefunden wird, den du für Wert hältst usw
    müßtest du sie finden, interviewen und das dann auswerten: immer mit deinen eigenen Kriterien:
    die sind der Boden.

    das auf die Schnelle.

    Antworten
  2. Stefan B. Adorno Artikelautor

    Verena schrieb auf FB:

    aus meiner sicht würde ich sagen: „gescheitert“ ist das system kunst an sich (so, wie es jetzt ist). von daher nenne ich mich selber auch nur noch ungern „künstlerin“. denn eine „künstlerin“ eines solchen systems mag ich nicht sein.
    ich bin also im positiven sinne gescheitert. denn ich erkenne dieses system nicht mehr an (zumindest arbeite ich dran) 🙂

    Antworten
  3. Sabine

    Hallo Stefan, hallo alle Mitlesenden,

    wenn „M.“ schreibt: „»Diejenigen, die gefunden werden, sind zurecht gefunden worden.«
    Wenn du der Annahme wärest, unter den nicht Gefundenen, gäbe es bessere, gäbe es Originale,
    schade, wenn jemand nicht gefunden wird, den du für Wert hältst usw
    müßtest du sie finden, interviewen und das dann auswerten: immer mit deinen eigenen Kriterien:
    die sind der Boden.“

    dann ist das doch genau der Punkt, wegen diesem sich auch die Diskussion über den Begriff „scheitern“ im Kreis dreht, oder?

    Wenn Du jemanden findest, der es wert, aber bislang nicht „gefunden“ wäre, dann kommt doch mindestens ein anderer, der sagt: „Du findest, DER da wäre es wert? Ich bring‘ Dir einen viel besseren!“ usw. usf.

    Die, die Ihr aus den „eigenen Kriterien“ anbrächtet, denen raten welche neben Euch, dass sie es doch besser ließen……. wozu das alles?

    Ist nicht genau solch ein Gespräch dazu angetan, Absolutheitsansprüche und ~denken zu hinterfragen und bestenfalls fallen zu lassen?

    Du zitierst „M.“ weiter: „Da gehört es zum Leben dazu, bis die Musiker sterben. Und trotzdem, sind sie und fühlen sie sich erfolglos gemessen an …“

    Warum darf es nicht für alle, die sich das wünschen, „zum Leben dazu gehören“?

    … und jetzt lese ich Pascal.

    Ich habe übrigens auch in einem eigenen Artikel geantwortet: http://sabinepint.wordpress.com/2014/10/12/antwort-auf-wann-ist-kunst-ein-misserfolg-erschienen-auf-www-thinglabs-de-im-beitrag-vom-08-oktober-2014/

    Viele Grüße,

    Sabine

    Antworten
  4. Sabine

    Zu Pascal’s Text:

    Vielleicht deute ich den Begriff „Eitelkeit“ ja zu platt; ich deute ihn jetzt mal wie ein Otto-Normalwortgebraucher.

    Wenn ich eitel bin, dann bin ich doch durch irgendetwas bekräftigt, werde irgendwie dauerhafter befeuert. Zumindest wenn ich den Zustand der Eitelkeit als einen länger währenden Zeitraum voraussetze. Wie kann das dann der Grund für bewusst gewählte dauerhafte Erfolglosigkeit sein?

    Wisst Ihr, was ich für eine gute Studie halten würde? Wenn man sehr, sehr viele kommerziell erfolglose Kreative ein Stück ihres Lebens begleiten könnte… ich bin überzeugt davon, dass da nicht überproportional viele „Eitle“ zu sehen sind, sondern man in großen Teilen spannende Lebensläufe und vor allem Gedanken mitzuerleben bekommt, die, wenn man für die Menschen offen ist, zeigen werden, „warum sie es machen“. Man kann natürlich jeden Menschen nicht ernst nehmen, verreißen, ihm nicht zuhören etc., aber was wäre der Sinn? Was ist der Sinn dahinter, KollegInnen abzusprechen, es genau so zu tun, wie sie es tun?

    Ein Wort noch zu den „alten Künstlern“: es gibt in beinahe jedem Lebens~ und besonders im Berufsbereich heute Altersdiskriminierung. Warum sollte es dort anders sein? Natürlich ist es nicht sexy, einen „alten Künstler“ vermarkten zu müssen oder sich als ein solcher selbst immer wieder – auch im übertragenen Wortsinn – auszustellen, wenn der Trend dahin geht, Inhalten immer weniger Gehör und Raum zu schenken zugunsten einer „Fassadenhuldigung“. Und man diese Inhalte, die immerhin das Anliegen eines Mitmenschen sind, dann auch noch lächerlich macht…

    Antworten
  5. Leachim Rengnil

    Ist P. O. Runges romantisches Künstlerethos zu idealistisch?
    Ein Blick aus der Gegenwart in die Vergangenheit und Zukunft:
    Lässt sich für die Kunst arbeiten und von der Kunst leben?
    => http://ask23.hfbk-hamburg.de/draft/archiv//ml_publikationen/kt09-5.html
    Daraus:
    Zunächst einmal, bis sich Geeigneteres findet, mag auch für die Gegenwart weiter die Maxime Runges gelten:
    „Die Kunst soll doch den Künstler nicht ernähren, sondern der Künstler die Kunst.“

    Denn der materielle Erfolg ist zufällig; die künstlerische Qualität viel weniger.

    Antworten
    1. Stefan B. Adorno Artikelautor

      Lieber Leachim,

      Runge war sicherlich einer der ersten Künstler zu Beginn der Moderne, der die Zerissenheit der Künstlerexistenz erfuhr und selbst reflektierte. Ihm zollt dafür Anerkennung; ein Vorbild würde ich ihn aber nicht nennen.

      Er hat versucht unter den ihm gegebenen Umständen versucht Kunst und Kommerz unter einen Hut zu bekommen.

      Mein Artikel geht allerdings davon aus, dass heutige Künstler das – zwar leidend – leidlich hinbekommen. Sie gehen einfach „jobben“ und finanzieren damit ihre Kunst.

      Das Problem ist nun, dass sie sich dabei von äußerer Evaluierung abschotten. Auch Runge wusste davon: „Lebe ich … außer der Kunst, habe ich nicht nötig, darauf zu sehen, dass dasjenige, was ich hervorbringe, auch sogleich viele Liebhaber findet, so brauche ich auch kein Blatt vor’s Maul zu nehmen.“

      Kurzum, was Runge versuchte, worin ihn sein früher Tod beschnitt, ist heute zu einer massenhaften Malaise geworden.

      Ein heutiges Künstlerethos darf sich gerne auf Runge beziehen, sollte sich aber eine feste Grenze setzen, bis zu der es Erfolg erreichen möchte, um dann ohne Scham abzulassen.

      Antworten
  6. Sabine

    Hallo Leachim-Michael, Stefan und alle anderen Mitlesenden,

    ein schöner Artikel und eine gute Frage, die ich aber mit einer Gegenfrage beantworten würde: was ist denn „zu“ idealistisch? „Zu“ für „was“, für welche Konsequenz?

    „Die vorangegangenen Überlegungen sollten die generelle Notwendigkeit und Funktion eines Künstlerethos, erst recht unter den verschärften Konkurrenzbedingungen der Gegenwart, deutlich gemacht haben. Für dessen Erfolg wird es entscheidend sein, […]“

    Dieser „Erfolg“, von dem die Rede ist, hier der des Künstler-Ethos, kann doch wieder nur individuell definiert und erlebt werden, genau wie das „Scheitern“, oder…? Ich kann doch nur sehen, ob etwas FÜR MICH funktoniert, oder?

    Lingner’s Artikel arbeitet an Runge’s Beispiel gut heraus, dass alles persönliche Entscheidung ist, das ganze Leben, auch jenseits von Kunst. „Du kannst alles machen; alles hat Konsequenzen.“ (frei nach Reinhard K. Sprenger)

    Viele Grüße,

    Sabine

    Antworten
    1. Stefan B. Adorno Artikelautor

      Liebe Sabine,

      ich glaube, dass gegen persönliche oder individuelle Entscheidung/Definition natürlich per se nichts einzuwenden ist. Das Problem ist nur, dass sie in solch großer Zahl auftritt, dass sie eben nicht mehr individuell zu nennen ist.

      Leachim-Michael hat das ja in seinen vielen Texten zur Autonomie, die nichts anderes als individuelle Entscheidung/Definition ist, zur Genüge deutlich gemacht. Autonomie steht für nichts mehr. Sie ist sinnentleert geworden.

      Stefan

      Antworten
      1. Sabine

        Lieber Stefan,

        ich möchte es noch einmal anders fragen (auf die Gefahr hin, dass ich es schon einmal so gefragt habe):

        worin liegt das Problem, wenn Menschen sich entscheiden, es so zu leben, unabhängig von Deiner Relevanz-Definition?

        „Individuell“ heißt für mich nicht, dass es nur eine/r machen darf und diese Entscheidung dadurch zu „verschmerzen“ ist. „Individuell“ meint doch, dass Du jedes Individuum, das sich für egal welchen Lebensweg entscheidet, würdigst in dieser Entscheidung, oder? Oder anders: selbst, wenn es JEDE/R machen würde, wären diese Entscheidungen doch INDIVIDUELL, oder?

        Viele Grüße,
        Sabine

        Antworten
        1. Stefan B. Adorno Artikelautor

          Das ist eine gute Frage. Ich habe sie schon erwartet und daher auch die Antwort parat.

          Künstler, die beständig auf eine angemessene Bezahlung ihrer Arbeit zugunsten individueller Befriedigung verzichten, schädigen sich und die Gesellschaft auf zweifache Weise:

          1) In einem engeren Sinne verstärken sie im Kunstkontext die Neigung zu einer Kostenloskultur. Alle die, die Kunst nachfragen (ob Publikum oder Institutionen) fühlen sich dadurch in ihrem Anspruch, Kunst möglichst kostengünstig oder umsonst zu erhalten, bestätigt.

          Verlangst Du als Künstler von einer Galerie oder Institution ein Ausstellungshonorar, werden sie sagen: „Wieso, die anderen Künstler arbeiten doch auch umsonst.“

          2) In einem weiteren Sinne schlägt diese Haltung auch auf andere Beschäftigungsverhältnisse über. Angela McRobbie hat daher die Künstler als die „role models“ der New Economy bezeichnet. Sind Vorbilder für prekäre Anstellungen (Praktika, befristete Verträge, Outsourcing), die ihren Aspiranten nahelegen Freiheit, Selbstbestimmung, Engagement und Kreativität wichtiger als faire Bezahlung anzusehen.

          Daher, – selbst, wenn es nur individuelle Entscheidungen sein sollten. Ihre Folgen treffen alle.

          Antworten
  7. Sabine

    Hallo Stefan,

    ich war zwar nicht so vorbereitet wie Du, musste ja aber langsam mal damit rechnen, dass Du mir die gesellschaftsschädigende Wirkung irgendwann erklärst 😉 .

    Die Einstellung dazu ist natürlich zutiefst politisch, egal, in welche Richtung man tendiert.

    Das Problem, dass Du beschreibst, kenne ich ja selbst, vielleicht nicht so sehr auf Honorare bezogen, sondern auf eine fehlende „Außenwirkung“; Du würdest vielleicht sagen: Relevanz.

    Ich muss wieder ein bisschen ausholen. Fragte man die sich mir nah wähnenden Menschen nach meiner Relevanz, was meine – ich sag’ jetzt mal – „Gesellschaftsarbeit“ betrifft, würde diese gegen „0“ tendieren. Die wenigsten dieser Menschen wissen, was ich da tue, welchen Stellenwert z. B. Schreiben und Austausch für mich haben; selbst von den Freunden sind hin und wieder ein paar überrascht, andere wissen gar nichts darüber, weil sie nichts nachfragen und ich das Gespräch nicht von mir aus auf etwas lenke, das sie augenscheinlich nicht interessiert. Das Fazit: für Viele pflege ich in meiner Zeit, die ich nicht bezahlt im Brotjob arbeite, Müßiggang und „arbeite“ mitnichten. (Dazu interessant ist derzeit das Gespräch auf der facebook-Seite „Sabine Pint: Kunst ist für die Menschen“, aus dessen Beiträgen u. a. das für mich hervorgeht.)

    Ich kenne also die aus all dem erwachsende Schwierigkeit, die Sache überhaupt (für andere verständlich und nachvollziehbar) zu benennen.

    Dann, als Nächstes, fällt es mir schwer, die Sache einzugrenzen. Ich glaube ja daran, dass alles „etwas ausmacht“, dass alles „einen Unterschied macht“: Gedanken in der Welt, am Familientisch diskutierte Gesellschaftsthemen – einfach alles, was irgendwie auf die Leute wirkt und weiter in die Welt getragen wird. Entsteht also in der Auseinandersetzung mit irgendetwas in mir z. B. ein Text, dann macht es für mich keinen Sinn, darauf zu spekulieren, ob mir dieser von irgendjemandem abgekauft und veröffentlicht wird, denn das ist eher unwahrscheinlich. Da aber durchaus solche Texte bei anderen entstehen, die sie durchaus verkaufen, müsste ich mir jetzt streng genommen überlegen, ob ich das so tun darf, wie ich es gewohnt bin zu tun: ohne materielle Gegenleistung mit etwas, das durchaus „Arbeit“ ist oder macht, an die Öffentlichkeit gehen.

    Ich glaube nicht, dass diese – ich will sie mal anführungszeichenfrei so nennen: – Gesell-schaftsarbeiter bewusst „beständig auf eine angemessene Bezahlung ihrer Arbeit zugunsten individueller Befriedigung verzichten“, sondern sehe es im Gegenteil so, dass bei solcher Arbeit, bei der die Grenzen verschwimmen zwischen z. B. privat und öffentlich, Kunst und Handwerk, Journalismus/Schriftstellerei und z. B. einem sehr gut geschriebenem Offenen Brief einer Privatperson, der durchaus als Essay durchgehen könnte (um nur ein paar gefühlte Gegensätze zu nennen), es unfassbar schwierig ist, eine vernünftige Grenze zu ziehen und anhand dieser Grenze z. B. Honorare zu berechnen. Ich selbst gehe so weit, es schier unmöglich zu nennen.

    Für mich stellt sich die Frage daher anders: wie bekommen wir alle miteinander eine Gesellschaft hin, bei der wir keine Trennungen erzwingen müssen, die es „naturgegeben“ sozusagen gar nicht gibt; die es nur gibt, weil wir ein Bezahlsystem und kein Tauschsystem von Waren und Dienstleistungen haben? Wie können wir alle versorgen, ohne so tiefgreifende und einschneidende Vorschriften in die Lebensweise haben zu müssen, wie Du sie benennst, um das derzeitige System zu erhalten? Möchtest Du das derzeitige System so erhalten und wenn ja, warum?

    Unsere derzeitige Gesellschaft bezahlt den Popstar als Person; sie bezahlt nicht, was er tatsächlich macht (wobei „Popstar“ hier in alle Bereiche übergreifend zu verstehen ist). Wie stellt man Akzeptanz für und echte Auseinandersetzung mit den Inhalten dessen, was Personen tun oder sagen, her? Wie definieren wir „Arbeit“?

    Die Art, wie Du hinterfragst, macht m. E. die Menschen zu „Schuldigen“ über eine angemessene Verantwortung hinaus, denn in dem Sinne „schädlich“ wären sie nur in einem von allen erhaltenswert empfundenen System. So sind sie vielleicht sogar hilfreich auf der Suche nach einem besseren…

    Das, was jetzt kommt, war mir ohne meine vorangestellten Ausführungen zu knapp:

    Zu 1) Kunst ist mit nichts und nicht untereinander zu vergleichen, daher ist eine Bezahlung nur persönlich per Vertrag aushandelbar. Es kann so weder „Tarife“ geben noch ein nicht unanständiges Verbot, etwas kostenfrei anzubieten.

    Zu 2) Die Unanständigkeit Deiner Beispiele liegt offen: alle vergleichbaren Tätigkeiten mit direktem Nutzwert müssten nach unserem jetzigen System auch gleich entlohnt werden. Das Problem ist eine von Geld regierte Welt mit den Regeln, die die Ausbeuter schützt; das Problem sind nicht die Erpressten. Mehr Petitionen, Demonstrationen, Aufstand ist nötig gegen ein System, dass der Wirtschaft mehr Macht einräumt als ethischen Werten.

    Indem Du alles auf ein Geldsystem stützt, unterstützt Du den Kreislauf des gierigen „immer mehr“ nur, anstatt ihn zu durchbrechen. So wird m. E. weiter lieber auf die Fassade geschaut als auf die Räume dahinter.

    Viele Grüße,
    Sabine

    Antworten
    1. Stefan B. Adorno Artikelautor

      Hallo Sabine,

      ich wollte nur den bescheidenen Versuch unternehmen, einen Tatbestand herauszuarbeiten. Nämlich, dass sich weite Teile des Kunstsystems entgegen der wirtschaftlichen Normalität bewegen.

      Ich wollte nicht hinterfragen, wie sich das in den Gesamtkontext der Ökonomie stellt. Und ob zB. die Tatsache, dass eben diese Ökonomie weitgehend den Austausch auf Geld stützt, problematisch zu bewerten wäre.

      Zu Deinem Punkt 1): Dass „Kunst [ist] mit nichts und nicht untereinander zu vergleichen“ wäre, halte ich für einen ausgesprochenen Mythos. Genau daraus resultiert eine Ideologie, die Künstlern nahelegt, Geld misstrauisch und ablehnend gegenüber zu stehen. — Wie das genau funktioniert, wäre allerdings in einem ganzen Buch zu erörtern.

      Soweit in Kürze
      Stefan

      Antworten
  8. Sabine

    Hallo Stefan,

    wenn Du mit „wirtschaftlicher Normalität“ meinst, dass es sich oft nicht rechnet, wie man so schön sagt, gebe ich Dir vollkommen Recht. Du stellst das schön heraus, andere auch, und ich begreife und teile das. Auf den „schädigenden“ Aspekt wollte ich aber genauer eingehen, denn das wäre ja schon harter Tobak (findest Du nicht?), und die so Bezeichneten müssten sich ja entweder erklären oder schleunigst etwas ändern.

    Meinen Punkt 1) erlebe ich einfach selbst so; ich behaupte da ja nicht nur was; daher kann ich das auch nicht als Mythos ansehen. Wenn es eine solche Ideologie gibt, die nur oder besonders Künstlern nahelegte, „Geld misstrauisch und ablehnend gegenüber zu stehen“ wäre auch das extrem unanständig. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass eine ganze arbeitende Sparte sich so leicht abspeisen ließe, es sei denn, FAIRE Bezahlung wäre auf dem Sektor tatsächlich schwierig…

    also… nichts für ungut und viele Grüße,
    Sabine

    Antworten
  9. Stefan B. Adorno Artikelautor

    Also, das „schädigen“ klingt vielleicht dramatisch. Ich könnte neutraler sagen, das Verhalten von Künstlern hat Folgen. Teilweise sogar unbeabsichtigte. Wie Boltanski und Chiapello gezeigt haben, ist die sogenannte „Künstlerkritik“ nach authentischeren und autonomeren Arbeitsverhältnissen von den Unternehmen nachfolgend in eine Projekt- und Netzwerkökonomie umgewandelt worden, die zB Sicherheit am Arbeitsplatz nachhaltig untergraben hat.

    Antworten

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