Künstler Hartz IV

Hartz-IV-Treff

Hartz IV Treff, Foto auf Flickr

Jedes Jahr vergibt die Hamburger Kulturbehörde 10 Stipendien an Bildende KünstlerInnen, die mit 820 Euro im Monat auf ein Jahr nicht gerade üppig dotiert sind.

Darüber erregt sich auf der Echo-Liste H.S.:

Wann wird dieses Künstler-Hartz IV in der reichsten Stadt der Republik endlich aufgestockt?

Nun ist die Verbindung zwischen einem Stipendium und der Sozialleistung Hartz IV einigermaßen seltsam und befragenswert.

Auf den ersten Blick könnte der Zusammenhang darin bestehen, dass es sich in beiden Fällen um Zuwendungen handelt, für die der Gebende keine direkte Gegenleistung erwartet. Jedenfalls nicht im Sinne einer Arbeit, für die ein Lohn gezahlt wird.

Genauer betrachtet sind allerdings zwei Unterschiede erkennbar:

Das Arbeitslosengeld II gründet sich auf einem Rechtsanspruch, den Menschen unter gegebenen Voraussetzungen auch einklagen können.

Während ein Arbeitsstipendium der Hamburger Kulturbehörde eine freiwillige Leistung darstellt, die den zufälligen Empfängern nicht notwendig zusteht. Einer Jury zum Trotz handelt es sich eigentlich um eine Lotterie. Wer leer ausgeht, hat den Regeln des Verfahrens nach „einfach“ Pech gehabt.

Auch ist der Aspekt der Selbstlosigkeit unterschiedlich zu bewerten. Die Agentur für Arbeit, die die Regelleistungen bezahlt, hat nichts davon. Sie folgt nur dem Gesetz. Im Gegenteil. Sie ist dazu angehalten, möglichst viele Empfänger von dieser Leistung zu entwöhnen.

Die Kulturbehörde hingegen unterstützt nicht bloß bedürftige KünstlerInnen. Selbst wenn der Betrag der Förderung gering erscheinen mag, er ist immer geeignet die öffentliche Hand als mäzenatisch handelnde in einem positiven Licht erscheinen zu lassen.

Entgegen den besten Absichten bedeutet öffentliche Kulturförderung immer auch ein Stück PR für die Gebenden. Das lässt sich von Hartz IV kaum sagen.

Aufstockung

Es bleibt als weitere mögliche Verbindung zwischen einem Kunststipendium und Hartz IV der jeweils sehr geringe Betrag der Zuwendungen. Dessen Aufstockung H.S. auf Echo fordert.

Dagegen möchte ich einwenden: Wem wäre denn geholfen, wenn es deutlich mehr Geld wäre?

Sicherlich bedeuteten 1000, 2000, 3000 Euro im Monat für viele Menschen, auch KünstlerInnen, eine angenehme Verbesserung ihrer teils trostlosen Einkommensverhältnisse.

Besteht nicht die untergründige und betrübliche Verbindung zwischen einem Kunststipendium und Hartz IV darin, dass in beiden Fällen die Empfänger kaum ein Chance bekommen aus der Abhängigkeit von solchen Zuwendungen herauszukommen?

Sind nicht vielmehr die KünstlerInnen noch schlechter dran, weil ihnen mit Aussicht auf eine solche Begünstigung, gerne auch euphemistisch Förderung genannt, bedeutet wird, sie hätten eine Leistung erbracht, die der Auszeichnung wert war?

Damit werden sie schleichend an ein System gewöhnt, das gerade keine eigene Leistung honoriert, so gerne auch darin von Individualität und Freiheit die Rede ist. Es reicht, dem System zu genügen.

Ernüchternd kommt daher ein kürzlich erschienener Beitrag in der Berliner Gazette zu dem Schluss:

Man macht nicht der Kunst einen Antrag, sondern dem Betrieb.

(Der Unterschied zwischen Antrag und Stipendium ist höchstens graduell.)

Wenn es tatsächlich Grund gäbe (und es gibt ihn!) sich über die geringe Kulturförderung der öffentlichen Hand zu beklagen und daraus Handlungsbedarf abzuleiten, so kann der nur darin bestehen, die KünstlerInnen in den Stand zu versetzen wirtschaftlich für sich selbst zu sorgen.

Arbeitsverbot

Im Gegensatz zum Hartz IV System, das viele Menschen in die Ecke stellt, die eigentlich arbeiten wollten, besteht im Kulturbetrieb für die meisten KünstlerInnen de facto ein Arbeitsverbot.

Sie werden nur dann geschätzt und geliebt, wenn sie bei mäßigem Leiden und Leidensdruck dem Müßiggang fröhnen, den ganzen Tag Kringel auf Leinwände malen, oder gleich leere Leinwände aufspannen, Scheisse in Dosen verpacken, und soviel Unnützes produzieren, dass die Gesellschaft mit dem Bau von Kunsthallen und sonstigen Lagerhäusern nicht nachkommt.

Sie dürfen viel und vieles tun, was auch immer, nur Arbeiten nicht. Das wird mit sofortiger Expellation aus dem Betrieb bestraft.

Weil sich derartig arbeitslose Geschäftigkeit auf die meisten finanziell nicht gerade positiv auswirkt, gibts zum Ausgleich der gröbsten Notlagen bei passender Einstellung (Talent o.ä.) gelegentlich einen kleinen Ausgleich in Form eines Arbeits(!)stipendiums, auf dass weitere Arbeit tunlichst vermieden wird.

Eine solche Art von Kulturfinanzierung gehört nicht aufgestockt, sondern abgeschafft. Wie Hartz IV auch.

  

8 Gedanken zu „Künstler Hartz IV

  1. BL

    Hallo echo,
    lieber Stefan,
    nach Lektüre deines Beitrags zum Hamburger Arbeitsstipendium
    möchte ich dich fragen:

    Welche Form der Kulturförderung würdest du befürworten, oder
    bist du der Meinung, öffentliche Kulturförderung mitsamt der
    „ach so lästigen“ Antragstellung gehört gänzlich abgeschafft?

    Was wäre denn ein guter Weg, Künstlern und Künstlerinnen zu einer
    würdigen, produktiven und wirtschaftlich abgesicherten Existenz
    zu verhelfen? Ich sehe durchaus die zu hinterfragenden Auswirkungen,
    die ein auf öffentliche Förderungen basiertes Modell haben kann.

    Auch wenn ich den Vergleich zwischen dem Arbeitsstipendium und
    Hartz IV in der Tat eher weitgeholt finde, und mich vermutlich nicht
    unbedingt vertiefend damit befasst hätte, so sind doch einige Aspekte,
    die du aufführst, bedenkenswert. Mal abgesehen von deiner Auffassung
    vom Arbeitsverbot für, bzw. Müßiggang der Künstler, denn ich finde,
    dass so ein Jahr mit einer zwar geringen, aber dennoch verlässlichen
    Einkommensquelle, zumindest erleichtern kann, sich tatsächlich auf
    die künstlerische Arbeit zu konzentrieren, anstatt sich permanent darum
    zu kümmern, dass das „Kunstbetriebsrädchen“ sich weiter dreht.
    Manche werden diese Zeit sicherlich ganz auch anderweitig nützen,
    gar keine Frage.

    Dennoch fehlen mir bei allen Bedenken ein wenig die Lösungsansätze.
    Was schlägst du also vor?

    Noch mehr Beratung zur Stärkung des unternehmerischen Denkens?
    Noch mehr Klinkenputzen bei privaten Unterstützern? Ein freifinanziertes,
    ausschließlich auf dem Wohlwollen von Stiftern, Mäzenen und Firmen
    basiertes System (wie z.B. in den USA)? …alles abschaffen?

    Antworten
  2. M

    Liebes Echo, lieber Stefan, liebe Barbara,

    ich stimme mit Stefan darin überein, dass man Hartz IV und die Hamburg Stipendien abschaffen könnte, aber nur, wenn man sie durch ein bedingungsloses Grundeinkommen ersetzt. Da dies in absehbarer Zeit nicht durchsetzbar ist, brauchen wir bis dahin Sozialleistungen und Kulturförderung.

    Es gibt kein Arbeitsverbot für Künstler – das Problem ist, das Arbeit in unserer Gesellschaft nur nach dem finanziellen Erfolg der Tätigkeit bewertet wird. Wenn ein Künstler arbeitet und kein Geld damit verdient, ist es auch keine Arbeit – bestenfalls ein Hobby.

    Das ist natürlich Unfug.

    Bei dem Thema „ehrenamtliche Tätigkeit“ merkt man, wie „liberale“ Politiker ins Schwimmen kommen: das Ehrenamt bringt zwar kein Geld, aber wird hochgelobt, denn es spart Geld. Geld, das der Staat einspart, weil er seinen Kernaufgaben nicht mehr im vollen Umfang nachkommen muss.

    Nach meiner Auffassung gehört Kulturförderung zu den Kernaufgaben des Staates. Diese Förderung (wie z.B. das Hamburgstipendium) steht uns zu, da wir Künstler etwas für die Gesellschaft tun.

    Ich gebe Hajo Recht, dass eine so reiche Stadt wie Hamburg ruhig etwas mehr Geld raus tun könnte und empfinde es als Armutszeugnis von Politikern, wenn sie beim Thema Kulturförderung auf private Förderer verweisen (denn wenn sie ihre Aufgaben nicht erfüllen können, sollten sie zurücktreten).

    Gruß,
    Manfred

    Antworten
  3. Stefan B. Adorno Beitragsautor

    Hallo Barbara, halle echo,

    ich kann Dir auch keine Lösung präsentieren, die das Problem mit einem Schlag beseitigte.

    Aber ich glaube, dass ein Ansatz darin liegen sollte, zu klären, inwiefern künstlerische Tätigkeit Arbeit sein könnte.

    Die allermeisten KünstlerInnen sind arm und auf öffentliche Unterstützung angewiesen, weil ihr Schaffen nicht als Arbeit anerkannt und bezahlt wird.

    Es wäre daher schön, wenn sich mehr KünstlerInnen mit dem Begriff der Arbeit beschäftigten. Das könnte daher ein lohnendes Thema für unsere anvisierten Konversationsrunden werden.

    Ansonsten lässt sich der allgemeine Bogen nochmals bei Hans Abbing nachlesen, der ein vehementer Gegner öffentlicher Kulturförderung ist:

    http://www.thing-frankfurt.de/content/2013/vorschlaege-zur-bekaempfung-der-kuenstlerarmut

    Herzliche Grüße

    Stefan

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  4. KL

    Hallo werte Diskutierende,

    danke Barbara und Stefan und auch Hajo. Der Vergleich ALGII/Kunstförderung empfinde ich auch als etwas hergeholt. Aber vielleicht ist das gar nicht wirklich unglücklich und ein guter Punkt über Begriffe und Orte zu diskutieren, die irgendwie dann in der Diskussion um Kunst, Kultur, Arbeit und Gesellschaft so häufig undefiniert, schwammig und neblig bleiben.

    Unabhängig von Ansätzen zur Lösung einer im Ansatz analysierten Situation eines nicht so genau definierten Raumes, würde ich gern Kritik an Stefans Darstellung zur Funktion und Wirkweise von ALGII, in stark einschränkendem Ausschnitt als Soziale Leistung, äußern. Das nur kurz und plakativ und verkürzend versucht.

    Kapitalismus ist ein Wirtschaftsprinzip das unabdingbar auf Differenz basiert. Kapitalistische Ökonomien benötigen zwingend Klassenunterschiede die sich in formalen/informellen Hierarchien und in starker ökonomischer und politischer Ausgrenzung abbilden. Demokratisch-Sozial organisierte, kapitalistische Ökonomien regeln die Befriedung ökonomisch, hierarchisch und politisch Benachteiligter Schichten/Klassen durch soziale Umverteilung von Gütern in realer und abstrakter Form in unterschiedlichen Verhältnissen.
    Kapitalistische Ökonomien setzen Arbeit, ausschließlich als Selbstzweck, als wesentlichen Faktor der moralischen Berechtigung zur Teilhabe ein. Damit entsteht u. A. ein wesentlicher Widerspruch zu sozialen Leistungen.

    Die Einführung sozialer Umverteilung nimmt u. A. Rücksicht darauf, auf der einen Seite das kapitalistische Ausbeutungsprinzip und hierarchisch/ökonomisch/politische „Schieflagen“ nicht zu behindern, auf der Anderen deren Folgen abzumildern und damit eine zusammenhängende Ökonomie zu befrieden.

    Nach einigen VertreterInnen der Verelendungstheorie wäre die Abschaffung sozialer Unterstützungsleistungen für Ausgegrenzte eine sichere Anlage im Revolutionsgeschäft. Dem kann sich, muss sich aber nicht angeschlossen werden.

    Keine Frage, das Obige sieht die oder der Andere vielleicht anders, oder treibt es zornige Röte ob der Verkürzung in die Gesichtsflächen.

    Doch Fragen:
    Kann und muss Arbeit als Grundlage einer, dazu auch noch moralischen, Teilhabe-Berechtigung (woran?) gelten?
    Kann der Zweck Arbeit frei von der durch diese Arbeit erzeugten Produktion und deren Nutzen, oder nicht-Nutzen, betrachtet werden?
    Wie definiert sich der Kunstbegriff innerhalb seiner historischen Herleitung und Funktion?
    Inwieweit hat sich der Kunstbegriff von seiner historischen Herleitung emanzipiert und ist in der emanzipierten Form relevante Maßgabe für die aktuelle Produktion?

    Welche Aufgabe übernimmt die staatliche, nationale (oder „private“) und internationale Kunstförderung innerhalb der jeweiligen Ökonomien und ökonomisch-kulturellen Konstrukte?

    Was ist Kunst als Arbeit, im Sinn einer Produktion gesellschaftlich relevanter realer oder abstrakter Güter?
    Ist Kunst, als Metaprofession, nicht ausschließlich Erfüllungsgehilfe, Manifestationswerkzeug oder Reflektionsort relevanter Produktion und außerhalb dessen, nichts als dekorativer, ästhetischer Tand für Distinktionsverliebte?

    Ich würde gern einen Schritt zurück gehen und über Begriffe und Einordnungen diskutieren. Vielleicht geht das ohne sich zu weit auszubreiten. Ich weiß nicht. Aber für mich sind da so viele Sachen offen. Für mich ist nicht im Mindesten bewiesen das Kunst, in ihrer gesellschaftlichen exkludierten und kulturell-hierarchischen Sonderrolle, eine demokratische Berechtigung oder gar zwingende Notwendigkeit besitzt.

    grüßend, k

    Antworten
  5. Stefan B. Adorno Beitragsautor

    Hallo K.,

    dank Dir für Deine Erläuterungen und Fragen.

    Ich würde gerne diejenigen, die mir am Herzen liegen, – noch ohne Antwort -, unterstreichen:

    ++ Welche Aufgabe übernimmt die staatliche, nationale (oder „private“) und internationale Kunstförderung innerhalb der jeweiligen Ökonomien und ökonomisch-kulturellen Konstrukte?

    ==> Diesbzgl. hat Hans Abbing schon einige Vorarbeit geleistet, indem er zB fragt, ob Kulturförderung von dem Gedanken geleitet ist, Marktversagen abzumildern. Also, ob Künstler, denen der Markt für ihre Produkte fehlt, dafür von der Gesellschaft einen Ausgleich erhalten sollten.

    ++ Was ist Kunst als Arbeit, im Sinn einer Produktion gesellschaftlich relevanter realer oder abstrakter Güter?

    ==> Das scheint mir die Kernfrage zu sein, die ich auch gerne bearbeiten würde. Wenn Kunst in einem engeren Sinne Arbeit wäre, dann würde sie auch bezahlt werden, so daß die meisten Künstler davon leben könnten.

    ++ Ist Kunst, als Metaprofession, nicht ausschließlich Erfüllungsgehilfe, Manifestationswerkzeug oder Reflektionsort relevanter Produktion und außerhalb dessen, nichts als dekorativer, ästhetischer Tand für Distinktionsverliebte?

    ==> Hier versteh ich die Gegenüberstellung nicht. Der Begriff „Erfüllungsgehilfe“ klingt negativ für mich, und da er sich offensichtlich auf „relevante Produktion“ bezieht, scheint für Dich darin mglw. auch negatives zu liegen. Vielleicht könntest Du dieses Frage nochmals erläutern?

    Und hier noch meine Gegenfrage:

    Welches Format würdest Du für geeignet halten, die von Dir aufgeworfenen Fragen zu bearbeiten?

    Herzliche Grüße

    Stefan

    Antworten
  6. RB

    Hallo in die Runde,

    bei aller Anerkennung für die Erklärungen der guten alten Politökonomie:
    Sollte man nicht auch einmal den Blick auf die Einbeziehung der
    Nachfragerseite von Kunst (von der sollen ja wohl die Anteile am BSP kommen)
    lenken und einige Fragen stellen, so z.B.:

    + wie/an welchen Menschen/Kriterien/Fragen und Antworten messen wir die
    gesellschaftliche Wertigkeit von individuellen künstlerischen Leistungen?

    + Ist alles, was individuell relevant, aber nicht nachgefragt ist, schon ein
    Beleg für Marktversagen?

    + Mit welchen Argumenten kann man Bündnispartner außerhalb der Kunstszene
    finden für ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler?

    + Ist der Begriff „Künstler“ für den Rest der Gesellschaft, den man ja
    erreichen wollen sollte, qualitativ überzeugend ausfüllbar?

    + Weiß jemand ein gesellschaftliches System, das schon mal im gewünschten
    Sinne funktioniert hat (der Realsozialismus ja wohl nicht? Oder doch?)?

    Ich kann meine Fragen auch nicht beantworten, sind sie deshalb „un-sinnig“?
    R

    Antworten
  7. Stefan B. Adorno Beitragsautor

    Hallo Reinhard,

    ich finde Deine Fragen sehr sinnig und werde versuchen wenigstens Hinweise auf eine Antwort zu geben:

    > + wie/an welchen Menschen/Kriterien/Fragen und Antworten messen wir die
    > gesellschaftliche Wertigkeit von individuellen künstlerischen Leistungen?

    An der Aufnahme in die Archive (Groys). Am Zuspruch durch ein Publikum (Reckwitz).

    > + Ist alles, was individuell relevant, aber nicht nachgefragt ist, schon ein
    > Beleg für Marktversagen?

    Nicht unbedingt. Reckwitz sieht unter dem Begriff der „profanen Kreativität“ die Möglichkeit vor, bewusst abseits des Marktes zu produzieren.

    > + Mit welchen Argumenten kann man Bündnispartner außerhalb der Kunstszene
    > finden für ein bedingungsloses Grundeinkommen für Künstler?

    Ich halte ein Grundeinkommen nur für Künstler für wenig erstrebenswert, da es den Charakter bisheriger Kunstförderung als Alimentierung nur fortsetzen würde. Wenn schon, dann für alle Menschen.

    > + Ist der Begriff „Künstler“ für den Rest der Gesellschaft, den man ja
    > erreichen wollen sollte, qualitativ überzeugend ausfüllbar?

    Es liegt in der Konfiguration des modernen Künstlers (oder Künstlerin) bestimmt, defizitär und ungenügend zu sein. Nur dadurch gelingt die Unterscheidung zum Rest der Gesellschaft. (Man beachte die dahinter liegende religiöse Konnotation als Sünder, Asket und Märtyrer.)

    > + Weiß jemand ein gesellschaftliches System, das schon mal im gewünschten
    > Sinne funktioniert hat (der Realsozialismus ja wohl nicht? Oder doch?)?

    Mir fällt da nur eine Bemerkung von McLuhan ein, die er einem Südseevolk zuschreibt: „Wir haben keine Kunst. Wir machen nur alles so gut als möglich.“

    Grüße

    Stefan

    Antworten
  8. MC

    Danke für die vielen Beiträge. Hier kommt noch einer.

    Ich sehe es ähnlich wie Kroko (und stimme auch überein mit dem ursprünglichen Einwand von Hajo). Nicht zuletzt als mehrfach glückloser Bewerber für das erwähnte Stipendium. Danke Karla für die ökonomische Einordnung und die zusätzlichen Fragen, zu denen ich später komme.
    Barbara hatte die Idee, „alles abzuschaffen“ erwähnt, die ich hier ausführen möchte (mit Hinweis auf die jeweiligen FürsprecherInnen oder ProtagonistInnen):

    1/ Stipendien abschaffen (Stefan Beck, vielleicht Hans Abbing?)

    2/ Museen und Galerien schließen (fordert z.B. neuerdings die Tea Party in Detroit – aber im revolutionären Kontext der 20er hatte Theo van Doesburg das auch gefordert)

    3/ Öffentliche (nicht privatwirtschaftliche) Kunstschulen schließen (was schon stattgefunden hat in den USA)

    4/ Alle Erbschafts- und Steuervorteile sowie Abschreibungsmöglichkeiten durch den Kauf und Besitz von Kunst abschaffen, sowohl für einzelne Personen als auch für Unternehmen (das fordert Yours Truly)

    In „unserem“ Kapitalismus, würde ich am liebsten mit 4/ anfangen. Das Problem ist nur, dass sich das nur auf der Bundesebene durchsetzen lässt. Defacto: Trotz des ganzen Gejammers im Feuilliton über den „schlimmen Kunstmarkt“, gegen den man nichts machen kann (z.B. im Artikel in der Taz von gestern von Georg Sesseln), würde Maßnahme 4/ (zusammen mit einer erstgemeinten Bekämpfung der Geldwäsche) die Blase des Kunstmarkts zum Platzen bringen.

    Hamburgstipendium abschaffen? Ich lese aus Stefans Emails drei Intentionen:
    a/ Den Versuch, zu provozieren (was gelang)
    b/ Die Kritik daran, dass der Kunstbetrieb Arbeit verhindert
    c/ Der Wunsch, die Ideen von Hans Abbing zu verbreiten

    – – – – – – –

    b/ betreffend entnehme ich folgendes aus Stefan’s Posting auf seiner thinglabs website:

    „(…) besteht im Kulturbetrieb für die meisten KünstlerInnen de facto ein Arbeitsverbot.
    Sie werden nur dann geschätzt und geliebt, wenn sie bei mäßigem Leiden und Leidensdruck dem Müßiggang fröhnen, den ganzen Tag Kringel auf Leinwände malen, oder gleich leere Leinwände aufspannen, Scheisse in Dosen verpacken, und soviel Unnützes produzieren, dass die Gesellschaft mit dem Bau von Kunsthallen und sonstigen Lagerhäusern nicht nachkommt.
    Sie dürfen viel und vieles tun, was auch immer, nur Arbeiten nicht. Das wird mit sofortiger Expellation aus dem Betrieb bestraft.“

    Das ist eine amüsante Aufzählung, aber sie trifft daneben, insofern Institutionelle Kunst und teilweise auch Kunstmarktkunst sich seit den 1980ern dadurch auszeichnet, doch „soziale“ Arbeit zu machen und eben doch sozial zu intervenieren (im Sinne ihrer jeweiligen Auftraggeber nämlich), und das genau ist das Problem (wie man eindrucksvoll beim Elbkultursommern der IBA Hamburg sehen konnte).
    Der Kunstkritiker Tristan Trémeau hat viel geschrieben zu diesem Thema der Kunst als soziales Pflaster und den Künstlern als Doppelagent. Ich hatte Trémeau übersetzt am Ende dieses Textes auf THE THING Hamburg, die Stefan scheinbar gelesen hat (weil er ihn damals kommentierte):
    http://thing-hamburg.de/index.php?id=309&no_cache=1&sword_list%5B%5D=sehgal

    Was mir im oben genannten Online-Beitrag von Stefan fehlt, ist, dass Demystifizierung nicht weit genug geht. Im Gegensatz dazu, schrieb Boris Arvatov über Kunst innerhalb des Kapitalismus (schon in 1930): „Die Kunst organisiert – im Bereich des Konkreten – die Gesellschaft, die in der Realität nicht organisiert zu werden vermag, mittels der Phantasie“ und Karel Teige schreib in 1936: „Die Bürger sind bereit eine Kunst zu subventionieren, die ihr einen Schutz-, Sicherheits-, und Werbungsdienst garantiert.“

    Siehe auf THE THING Hamburg:
    http://thing-hamburg.de/index.php?id=1037&no_cache=1&sword_list%5B%5D=who%27s&sword_list%5B%5D=fooling&sword_list%5B%5D=who

    Was die Künstler dürfen „vieles tun“ Aufzählung von oben betrifft: Ich habe persönlich kein Problem damit, wenn Piero Manzoni „Scheisse in Dosen verpackt“ und dabei eine Doppel-Strategie verfolgt: nämlich die Kunstwelt (und Duchamp) einerseits zu delegitimieren und andererseits künstlerische Selbstorganisation fördert (mit den ZERO Künstlern) …

    c/ Ich habe dagegen mehrere Problem mit dem Ansatz von Hans Abbing im Text „Vorschläge zur Bekämpfung der Künstlerarmut“, den Stefan verlinkt hat.

    Im 10. Absatz: Abbings karikaturhaftes Bild einer Bourgeoisie, die Künstler „manipuliert“, um eine Grenze zwischen Kunst und Unterhaltung zu ziehen. Obwohl er an anderer Stelle den Soziologen Pierre Bourdieu erwähnt, hat er nicht Bourdieus Regeln der Kunst (1992) gelesen (oder verstanden). Denn genau da schreibt er über die Entwicklung des Konzepts der Autonomie innerhalb des künstlerischen Feldes im 19. Jahrhundert (und ihre verschiedenen Abgrenzungen) – und zwar in einer Art, die Abbing total widerspricht.

    In 12. Absatz ist Abbings Gebrauch des Begriff Autonomie außerdem schwammig (Autonomie von WAS?)
    Wie Jean-Claude Moineau (2010) schreibt, gibt es nie Autonomie ohne gleichzeitige Heteronomie (und umgekehrt). Abbing scheint Modernismus und die Avant-garde in ein Topf zu werfen und präsentiert seinen eigenen Forderung nach Heteronomie als etwas Neues, das aber tatsächlich schon 100 Jahre alt ist.

    Weitere Konfusion besteht in der allgemeinen Diagnose, dass Künstler, die materielle Engpässe und Schwierigkeiten akzeptieren, um zu arbeiten (wie sie wollen) alle leiden von der gleichen „Alles für die Kunst Mentalität.“ Dabei mangelt eine Differenzierung zwischen den verschiedenen Motive des Engagements: karrieristisch, politisch, kunst-politisch, experimentell, selbst-therapeutisch, etc. Das führt in dann sogar zu dem Schluss, dass unkommerzielle Räume zu Desolidarisierung unter KünstlerInnen führt (!) im Absatz 16.

    Absatz 5: Seine Forderung nach einer Verringerung der Kunst-Studienplätze zeigt, dass Abbing ein typischer „pragmatischer“ Liberaler ist. Kunstmarkt-Fürsprecher Nicolas Bourriaud hatte Gleiches schon in den 1990ern gefordert.

    – – – – – – – –

    Karla hatte viele Fragen gestellt und hier ist mein Versuch, zwei davon zu beantworten:

    >Wie definiert sich der Kunstbegriff innerhalb seiner historischen Herleitung und Funktion?

    Es gibt konkurrierende Kunstbegriffe und die Geschichte der Kunst seit der Französischen Revolution ist die Geschichte der Versuche, Kunstpraxen „durchzusetzen“ die auch die Kunstrezeption ändert. (Walter Benjamin argumentierte in diese Richtung). Ist der „Kern“ dieser verschiedenen Kunstbegriffe je dabei betastet bzw. radikal unterminiert worden? (Oder gar abgeschafft?) Jean-Claude Moineau z.B. meint „nein“ in seinem Buch „L’art dans l’indifférence de l’art“ (2001).

    >Was ist Kunst als Arbeit, im Sinn einer Produktion gesellschaftlich relevanter realer oder abstrakter Güter?

    Das lässt sich im Allgemeinen nicht beantworten. Die folgenden drei Gruppen sind zwar diskursiv sehr nah beieinander, in der Praxis aber Kontext-bedingt sehr unterschiedlich: Die sowjetischen Konstruktivisten bzw. Produktivsten (in der post-revolutionären UdSSR), die Situationistische Internationale (im kapitalistischen Paris) und Tucúman Arde (in der Argentina der Diktatur).

    Leider kann „gesellschaftlich Relevantes“, aber auch negativ sein, im emanzipatorischen Sinn (siehe Teige oben).

    Karla schreib zum Schluss:

    >Für mich ist nicht im Mindesten bewiesen das Kunst, in ihrer gesellschaftlichen exkludierten und kulturell-hierarchischen Sonderrolle, eine demokratische Berechtigung oder gar zwingende Notwendigkeit besitzt.

    Ich würde das so formulieren: Kunstmarktkunst – insofern sie eine extremhierarchische und immer antidemokratischer werdende Ordnung schützt, – soll alle ihre direkte und indirekte Zuschüsse gestrichen bekommen ASAP (siehe meinen Punkt 4/ oben).

    Den Kunstmark in der fortdauernden Krise zu zerstören, kann nicht so schwierig sein. Ein bisschen Übung ist aber angesagt. Siehe:
    http://www.wirsindwoanders.de/files_2009/24_uploads/campaign_against_artmarket.pdf
    und
    http://www.wirsindwoanders.de/files_2009/fenster_memberE.php?satz=96&nutzer=24&seite=15&id=24&folge=03

    Aber vielleicht wäre es interessant von den jetzigen BewerberInnen des Hamburgstipendiums zu hören, was sie von dieser Diskussion halten?

    Viele Grüße an die Runde.
    Michel

    P.S. Stefan schreib auch: „Es wäre daher schön, wenn sich mehr KünstlerInnen mit dem Begriff der
    Arbeit beschäftigten.“
    Hier ist eine französische Website, die sich der Schnittstelle mit vielen Projekten widmet:

    http://barthe.free.fr/btp/doc/artref/docref.html

    Antworten

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