Vorschläge zur Bekämpfung der Künstlerarmut

Hans Abbing, Künstlerarmut in Europa

Hans Abbing, Künstlerarmut in Europa

Empfehlungen für politische Entscheidungsträger

Basierend auf Beobachtungen in den Thesen 7-17

Von Hans Abbing

1.) Künstler-Initiativen, die die Zertifizierung von Kunstinstitutionen betreiben, die Künstler angemessen behandeln, sollten unterstützt werden.

Auf einer praktischen Ebene kann die Zertifizierung von Kunstinstitutionen, die Künstler vorteilhaft behandeln und jene in Verlegenheit bringen, die dies nicht tun, sehr effektiv sein. (Dies zeigt sich bereits in New York, wo derzeit ein System der Zertifizierung durch die Künstler-Initiative W.A.G.E. entwickelt und angewendet wird.)

Allmählich könnte die Zertifizierung auf kommerzielle Galerien ausgeweitet werden.

(Zertifizierung funktioniert besser als formale staatliche Regulierung, weil Regulierung einfach als eine weitere rechtliche Pflicht und Bürde erlebt wird, während im Falle der Zertifizierung beide Parteien freiwillig und aktiv daran teilnehmen.)

2.) In der Kulturpolitik sollte es weniger Betonung auf „Exzellenz“ in den Künsten geben.

Es gibt genügend Interesse an Kunst, die angeblich von sehr hoher Qualität ist. Regierungspolitik (und -Geld), die die Exzellenz in einer kleinen Gruppe von in der Regel bereits erfolgreichen Künstlern fördert, dient in erster Linie dem internationalen kulturellen Wettbewerb.

Weil sie Kunst, für die es wenig Nachfrage gibt, auf ein Podest stellt, ermutigt sie Künstler dazu, auch solche Kunst zu machen. Und das ist nicht im Interesse des durchschnittlichen bildenden Künstlers.

3.) In der Kulturpolitik sollte weniger Wert auf Autonomie in den Künsten gelegt werden. Stattdessen sollten Künstler ermutigt werden Kunst zu machen, die mehreren Zielen dient.

Die Rechtfertigung der Kunst-Subventionen in Parlamenten und in der Kulturpolitik wird immer noch in erster Linie in der Bedeutung der Kunst als autonome gesucht.

Viel mehr Wert könnte auf heteronome Techniken gesetzt werden; das meint Kunst, die mehreren Zielen gleichzeitig dient, wie Wertschätzung von größeren Gruppen, Erzielung von Einkommen, Beiträge zum Sozialen, soziale Kritik, Anerkennung von Kollegen, und weitere mehr.

Heteronomie ist nicht das gleiche, wie Kompromisse eingehen!

Mehrere Ziele zu haben kann die Kreativität fördern und zu qualitativ hochwertigerer Kunst führen, als wenn Künstler nur ihre Autonomie ausweiten wollten.

4.) Institutionen und Initiativen, die Künstler bei ihren Versuchen, ihren Tätigkeitsbereich zu erweitern, sollten unterstützt werden.

Solange die formelle künstlerische Ausbildung hinterherhinkt können andere unterstützende Institutionen Künstler dazu ermutigen ihr Tätigkeitsfeld zu erweitern oder den Künstlern dabei helfen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass der Status der Aktivitäten auf dem Gebiet der Community Art, Aktivitäten mit Amateuren, in Gefängnissen, im öffentlichen Raum, in der Therapie und so weiter, vergleichbar mit der Kunst wird, wie sie traditionell angeboten wird.

Es gibt nicht unbedingt zu viele Künstler, wenn die Definition von Kunst und Kunstwerk breiter wird, und Künstler bereit sind, ihre Arbeit auf Märkten, die traditionell nicht als Kunstmärkte angesehen werden, anzubieten.

5.) Jedoch sollte zum gegenwärtigen Zeitpunkt eine vorläufige Verringerung der Zahl der Kunststudenten und der Zahl der Kunstakademien nötig sein, um die schlechte (ökonomische) Situation der Künstler zu verbessern.

6.) Die Unterstützung von Initiativen oder zusätzlichem Training zur Einübung einer neuen Geisteshaltung unter dem Lehrpersonal an Kunstakademien ist von entscheidender Bedeutung.

Der Hauptgrund für die Fortsetzung der schlechten (ökonomische) Situation der Künstler liegt in der Kunstausbildung. Hier wird die schädliche „Alles für die Kunst“-Mentalität der Künstler (re)produziert. Um diese Situation zu ändern muss sich die Denkweise der Lehrer grundlegend ändern. Weniger Wert auf Autonomie und mehr auf Heteronomie (Fremdbestimmung) ist unerlässlich. (Derzeit neue Lehrpläne für den Unterricht in kulturellem Unternehmertum (Cultural Entrepreneurship) ermöglichen in erster Linie anderen Lehrern weiterzumachen wie bisher.)

BEOBACHTUNGEN

7.) Bildende Künstler sind arm

Es wird viel über reiche Künstler und hohe Preise von Kunstwerken geredet, aber die große Mehrheit der bildenden Künstlern ist arm.

In Europa haben zwischen 40 bis 60% der Künstler ein Einkommen aus allen Arbeiten, d.h. einschließlich von Nebentätigkeiten, das unterhalb der Armutsgrenze liegt. (1)

(1) Rund 40 % der bildenden Künstler können ihre Kosten nicht decken.

Als Beispiel, in den Niederlanden verfügen fast 80% über ein Einkommen unterhalb des niederländischen Mindestlohns.

In Europa verdient der durchschnittliche Künstler circa 40% weniger als der durchschnittliche Arbeitnehmer.

Und der Prozentsatz, den er weniger verdient als ein Berufstätiger mit einem ähnlichen Ausbildungsniveau ist wesentlich höher.

(Aufgrund der verfügbaren Daten ist es wahrscheinlich, dass, wenn Künstler in Vollzeit in der Kunst arbeiteten, würden rund 60 % weniger als dem Äquivalent der Armutsgrenze verdienen , d.h. 60% könnten überhaupt nicht von der Kunst leben.)

8.) Viele Künstler fühlen sich als Versager und schämen sich dafür. Sie machen sich dafür selbst verantwortlich.

Manchmal glauben die Leute, dass Künstler für ihre niedrigen Einkommen kompensiert werden, zum Beispiel in Form von Status und Freude bei ihrer Arbeit. Das kann eine Rolle spielen, aber die meiste Zeit gleicht das nicht die Mühe aus. Viele Künstler schämen sich ihrer Armut und ihres Mangels an Erfolg, auch wenn sie das nicht offen zugeben wollen. Das Elend ist real.

In anderen Berufszweigen ist das vollkommen anders. Der durchschnittliche Lehrer oder Anwalt hat ein ordentliches Einkommen und ist nicht erfolglos. Er sieht sich nicht als Versager. Die große Mehrheit der Künstler aber ist arm, betrachtet sich als nicht erfolgreich und wird von anderen als erfolglos angesehen. Angehende Künstler kümmert das nicht, aber im Laufe der Zeit beginnen viele Künstler sich als Versager zu fühlen und machen sich selbst dafür verantwortlich nicht gut genug zu sein.

9.) Künstler, die arm sind, haben Gründe anderen die Schuld dafür zu geben, anstatt sich selbst.

Künstler sollten anderen, anstatt sich selbst die Schuld für ihren Mangel an Erfolg und ihre Armut geben. Nicht, weil andere nur unzureichend an der Kunst interessiert sind, zu wenig Geld für Kunst ausgeben oder Regierungen davon abhalten, mehr Unterstützung für Künstler bereitzustellen, sondern weil Künstler ein Teil eines Systems von Ausbeutung sind, das sie nieder hält.

Politiker und das Verwaltungspersonal in der Kulturförderung tragen im allgemeinen zur Aufrechterhaltung dieses Systems der Ausbeutung bei.

10.) Eine Trennung von Kunst und Unterhaltung war im Interesse des Bürgertums, aber sie verschlechterte die Situation vieler Künstler.

Die Wurzeln des Systems der Ausbeutung liegen im 19. Jahrhundert. Während bis zur Mitte dieses Jahrhunderts die Mehrheit der Künstler ein normales Einkommen hatte, änderte sich dies, als dem Bürgertum und später der oberen Mittelschicht die Trennung von Kunst und Unterhaltung gelang.

Auf diese Weise sicherten sie sich die geschmackliche Distinktion, die ihnen ihre Verbindung mit der Kunst einbrachte.
Kommerz in der Kunst wurde verdächtig und musste verdeckt werden. Die Künstler begannen Kommerz abzulehnen, was zu ihrer Armut beitrug.

11.) Armut in der Kunst und viele leidenschaftlich erfolglose Künstler waren im Interesse des Bürgertums und der oberen Mittelschicht.

Künstler, die arm und bereit waren, für niedrige Einkommen zu arbeiten, fingen an, die Besonderheit, wenn nicht sogar das Sakrale der Kunst zu symbolisieren.

Das Bürgertum und später die obere Mittelschicht, die sich auf Kunst einließen, hatten und haben ein Interesse an der Existenz vieler armer Künstler.

12.) Das Streben nach Autonomie und die angenommene Überlegenheit autonomer Kunstwerke ist nicht im Interesse der Mehrheit der Künstler.

Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die Autonomie der Kunst immer wichtiger. Es entstand ein Ethos unter den Künstlern, dass Kunstwerke so autonom wie möglich hergestellt werden sollten. Die Heiligkeit der Kunst forderte die Ablehnung jeglichen Kompromisses und vor allem des Kommerzes. Für eine kleine Gruppe von sehr erfolgreichen Künstlern ist dies kein Problem. Ihre Arbeit erzielt sowieso hohe Preise. Aber es ist nicht im Interesse der Mehrheit der Künstler.

Künstler fühlen sich verpflichtet, Kunst zu machen, für die es wenig Nachfrage gibt. Die Zahl der Kunden, die sich dafür interessiert ist klein. Und obwohl Kunstinstitutionen ihre Arbeit kaufen, können nur wenige Künstler ihre Arbeiten an diese Institutionen verkaufen.

13.) Es gibt erhebliche Ausbeutung innerhalb des Kunstsystems. Kunstinstitutionen haben ein Interesse an armen Künstlern, die bereit sind für sehr niedrige Einkommen zu arbeiten.

Auch Kunstinstitutionen haben ein Interesse an Armut in der Kunst, weil sie den symbolischen Wert der Kunst und ihre geschmackliche Distinktion erhöht.

Darüber hinaus hilft die Bereitschaft von Künstlern für sehr geringe Einkommen zu arbeiten Tag für Tag die Kosten niedrig zu halten.

14.) Eine „Alles für die Kunst“-Mentalität hat zu einer Wild-West-Ökonomie in der Kunst geführt.

Kunstinstitutionen und Einrichtungen wie (alternative) Kunsträume haben ein Interesse an Künstlern, die an ein „Alles für die Kunst“ glauben und somit bereit sind, für niedrige Einkommen zu arbeiten.

Sie reduziert die Verhandlungsmacht von Künstlern und ermöglicht eine Wild-West-Ökonomie in den Künsten.

„Alles für die Kunst“ führt zu „anything goes“, oder in anderen Worten: „Alles ist um der Kunst willen erlaubt“.

15.) Eine „Alles für die Kunst“-Mentalität und niedrige Einkommen fördern starke Konkurrenz unter Künstlern und verhindern Solidarität in größerem Maßstab.

Um zu überleben, müssen Künstler an die Bedeutung ihrer Arbeit für die Kunst glauben.

Aber wenn es viele erfolglose Künstler gibt, können sie dies nur beweisen, indem sie sich gegenüber vielen Mitbewerbern durchsetzen, die ebenfalls versuchen erfolgreich zu sein.

Es ist eine Angelegenheit, die jeden auf sich selbst zurückwirft, während nur die „Stärksten“ überleben.

Dies verhindert wirkungsvolle kollektive Aktion. Künstlergewerkschaften neigen eher schwach zu sein, weil die Zahl der Künstler, die ihre Arbeit aktiv unterstützt relativ klein ist.

16.) Non-Profit-Kunstinstitutionen missbrauchen die „Alles für die Kunst“-Mentalität von Künstlern.

Da gemeinnützige Kunstinstitutionen den Slogan „Alles für die Kunst“ hochhalten, ist es für sie leicht Künstler Tag für Tag auszubeuten. (In der Regel ist ihnen das nicht bewusst.)

Zum Beispiel zahlen viele Non-Profits den Künstlern keine Honorare, oder sie zahlen nur sehr geringe Honorare. Manchmal kommen sie noch nicht einmal für die Unkosten der Künstler auf.

In Teilen wegen der Konkurrenz, aber um so mehr „um der Kunst willen“ protestieren Künstler nicht dagegen, oder kooperieren sogar bereitwillig.

Profitorientierte Kunstinstitutionen verhalten sich manchmal etwas besser, weil sie Minimalstandards des Geschäftslebens einhalten und damit solche in Verlegenheit bringen, die dies nicht tun.

17.) Zur Zeit besteht in etablierten (zeitgenössischen) Kunstzirkeln die Tendenz, die Definition von (guter) Kunst einzuengen, und staatliche Institutionen unterstützen sie dabei. Dies ist nicht im Interesse der meisten Künstler.

In der Nachkriegsgesellschaft, die immer demokratischer wurde, waren Teile der Kunst versucht ebenfalls demokratischer zu werden. Kunst, die attraktiv für größere gesellschaftliche Gruppen ist, bekommt manchmal mehr Chancen. Das ist nicht im Interesse des Kunst-Establishments.

Es versucht de facto die Definition von Kunst einzuengen. Das Kunst-Establishment verfährt unter anderem so, indem es erklärt, dass „schwierige“ Kunst, für die es wenig Nachfrage gibt und für die sich die Verbraucher anstrengen müssen, um sie zu schätzen, wahre oder überlegene Kunst ist. Staatsgeld macht dies möglich.

(In der Praxis ist der Staat gespalten. Die meiste Zeit fördert er de facto die Ausgrenzung, während er manchmal auch die Kunstinstitutionen ermutigt, für mehr Menschen attraktiver zu werden.)

18.) Die Ursachen der Prekarität in der Kunst unterscheiden sich von denen in anderen Bereichen der postfordistischen kapitalistischen Produktion. Ausbeutung in der Kunst fordert (teilweise) andere Formen von Widerstand und andere Heilmittel.

Die Ausbeutung der Künstler ist in erster Linie eine Angelegenheit innerhalb der Kunstwelt. Es gibt eine Überschneidung mit der Ausbeutung anderer Wissensarbeiter, aber sie ist begrenzt. (Die Schnittmenge ist in den performativen Künsten am größten.) Daher fordert die Ausbeutung in der Kunst andere Formen von Widerstand und andere Heilmittel. Siehe Thesen 1 bis 6.

* * *

Hans Abbing ist Bildender Künstler und Ökonom, sowie emeritierter Professor für Kunstsoziologie an der Universität von Amsterdam.

Bilder und Texte von Hans Abbing finden sich auf: http://www.hansabbing.nl

Zuerst veröffentlicht im Handout zur Veranstaltung der Internationalen Gesellschaft der Bildenden Künste (IGBK) ‚Are Artists Rich?‘ – Workshop und Parlamentarischer Abend in den Badischen Stahlwerken Kehl, November 2012, http://www.igbk.de/projekte/are-artists-rich-2012

Übersetzung aus dem Englischen von Stefan Beck.

  

3 Gedanken zu „Vorschläge zur Bekämpfung der Künstlerarmut

  1. Stefan B. Adorno Beitragsautor

    Wie „schwierig“ darf Kunst sein?

    In Punkt 17 macht Hans Abbing geltend, bestimmte Kreise und auch der Staat wären an „schwieriger“ Kunst interessiert.

    Das klingt so beschrieben erstmal plausibel, wenngleich es in der Praxis nicht leicht sein dürfte, diese Einstellung und ihre Effekte zu beweisen.

    Es gibt in der Kunst keinen allgemeinen Maßstab, nach dem sich die „Schwierigkeit“ eines Werkes bestimmen liesse. Jedes Kunstwerk, das neu in den Markt eintritt, kann die Beurteilungskriterien verändern oder in Frage stellen.

    „Schwierige“ Kunstwerke finden nicht notwendig einen Abnehmer. Genausowenig garantiert Einfachheit oder Zugänglichkeit den umstandslosen Verkauf.

    Ich schlage vor, anstatt von „Schwierigkeit“ den Begriff des Risikos zu versuchen. Künstler gehen bei der Herstellung, Institutionen bei der Abnahme von Kunstwerken ein Risiko ein. Hohes Risiko, kann hohes Prestige versprechen.

    Mit dem Begriff des Risikos (den Andreas Reckwitz als unabdingbar verbunden mit kreativer Leistung ansieht), wird auch deutlich, woran Künstler scheitern können. Sie werden von Institutionen, dem Staat, der Gesellschaft angehalten mit hohem Risiko in ihre Arbeit zu investieren, sei sie nun schwierig oder nicht. Je größer das Risiko, desto größer die Chance zu scheitern, für die es de facto keine Absicherung geben darf.

    Eine „Lösung“ im Sinne Abbings wäre, Künstler aufzufordern, weniger Risiken einzugehen.

    Antworten
  2. Stefan B. Adorno Beitragsautor

    Wie läßt sich Kunst im Hinblick auf multiple Ziele erweitern?

    In den Thesen 3 und 4 fordert Hans Abbing eine Abkehr von der Autonomie mit Hinwendung zu multiplen Zielen, denen die Kunst gleichzeitig dienen sollte.

    Dazu ist folgendes zu bemerken:

    1) In den letzten 100 Jahren hat die Kunst eine ungeheuere Erweiterung erfahren. Heute ist schlichtweg nichts mehr denkbar, was nicht (auch) Kunst sein könnte. Kochen als Kunst, Sozialarbeit als Kunst, Aktienspekulation als Kunst usw. Andreas Reckwitz hat das die „Selbstentgrenzung der Kunstgattungen“ im Hinblick auf eine „Transformation von ‚Kunst als Lebenspraxis'“ genannt.

    2) Auf 1) folgt, dass mit der Eroberung immer neuer bisher als nicht kunstwürdig erachteter Bereiche im Zuge ihres Fortschritts ein riesiges Hinterland durchästhetisierter Felder entsteht, dessen Ausbeutung der Kreativökonomie obliegt.

    Ob Grafik/Design, soziale oder therapeutische Arbeit, pädagogische Bemühungen, lebensweltliche Gestaltung oder Selbstfindung, – nichts ist davor sicher, Objekt ästhetischer Vereinnahmung zu werden. Wozu braucht es da noch Künstler?

    Worin besteht der Unterschied zwischen einem Grafikdesigner und einem Künstler, der auch Grafikdesign, oder Grafikdesign als Kunst macht?

    Ist daher das Festhalten der Kunst an der Autonomie nicht der einzige Garant dafür, dass die Kunst ihren Eigenwert und ihre Daseinsberechtigung erhalten kann?

    Da Hans Abbing seine Forderungen nach multiplen Zielen in der Kunst im Hinblick auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der KünstlerInnen stellt, bleibt die Frage, welche spezifischen Erfahrungen ein Künstler in einen anderen Tätigkeitsbereich einbringen kann. Und ob sie sich rechnen.

    Nehmen wir als Beispiel das Feld der Bildung. Wäre ein Künstler zB an einer Schule angestellt, so bräuchte er, um dort seine Erfahrungen als Künstler einzubringen, eine Freistellung von der schul-pädagogischen Arbeit, die es ihm erlaubte, seinen künstlerischen Forschungen nachzugehen. Idealerweise mehr als 50%.

    In diesem Fall müsste ein Künstler schon auf der Gehaltsstufe eines Studienrats bezahlt werden, um bei 50% Lehrtätigkeit ein angemessenes Auskommen zu haben. Das wäre für die meisten Künstler sicherlich eine Verbesserung. In einer Stadt wie Hamburg könnte es aber nicht ausreichen, um an das Einkommensniveau der Normalverdiener aufzuschliessen. Dazu kommt noch, dass (Gymnasial)Lehrer vergleichsweise gut bezahlt werden. In Krankhäusern, sozialen und therapeutischen Einrichtungen werden die entsprechenden Tätigkeiten ungleich schlechter bezahlt.

    Sicherlich werden die Forderungen von Hans Abbing damit nicht direkt entkräftet. Ich wollte nur aufzeigen, daß es möglicherweise gute Gründe gibt, dass die Kunst als autonome verharrt.

    Antworten
  3. Stefan B. Adorno Beitragsautor

    Alles für die Kunst?

    Zu Recht kritisiert Hans Abbing die gefährlichen Folgen einer auf weitgehende Autonomie setzende Alles-für-die-Kunst Haltung.

    Doch, was sind die Alternativen?

    Wie schon weiter oben ausgeführt hat sich der Erweiterungsraum von Kunst als Kunst paradoxerweise gerade durch ihre fortlaufende Selbstentgrenzung außerordentlich eingeengt. Jegliche Form des „weniger Ernsten“ oder „Angewandten“ ist schon längst durch nachfolgende Disziplinen besetzt. Bereiche des Designs, der Gestaltung, sozialer, therapeutischer oder pädagogischer Arbeit stehen der Kunst nicht ohne weiteres zur Verfügung, will sie nicht ihre innersten Kern aufgeben.

    Wenn alles Kunst sein kann, dann kann sich Kunst von Nicht-Kunst nur noch durch die Haltung zu ihren eigenen Verfahren unterscheiden. Und nichts anderes ist die Autonomie.

    Acht Stunden im Büro hocken und Webdesign machen, ist nur dann Kunst, wenn ich autonom entscheiden kann, es morgen nicht mehr zu machen. Kann ich das nicht, ist es bloß Webdesign.

    Die Kunst hat sich durch ihre Autonomie eine Freiheit geschaffen, von der sie nicht mehr loskommt. Hinzu kommt, dass die sogenannte Kreativökonomie sich die Kunst soweit zum Vorbild genommen hat, auch reguläre Beschäftigungen unter das Diktat autonomer Selbstverwirklichung zu stellen und nachfolgend zu prekarisieren. (Macht es da noch Sinn, weniger Kunst zu versuchen?)

    Auch Michael Lingner fordert eine Post-Autonomie der Kunst. Wie die genau aussehen kann, weiß niemand.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.